Murray Rothbards Aufsatz „Praxeology: The Methodology of Austrian Economics" (1976) erlaeutert die praxeologische Methode als das Kennzeichen der Oesterreichischen Schule. Ausgehend vom Handlungsaxiom (Menschen handeln zielgerichtet) leitet Rothbard zentrale Implikationen ab: Zweckhaftigkeit, Mittel-Zweck-Beziehung, Zeit, Unsicherheit und Knappheit. Er begruendet, warum verbale statt mathematischer Deduktion verwendet wird, und diskutiert den erkenntnistheoretischen Status der Axiome, wobei er Mises' kantianische Apriori-Position der eigenen aristotelisch-empirischen Lesart gegenueberstellt. Anschliessend grenzt er die Praxeologie von Technologie, Psychologie, Geschichte und Ethik ab und entfaltet Mises' Kritik an Oekonometrie und quantitativer Oekonomie. Der Text stuetzt sich auf zahlreiche Belege von Mises, Hayek, Say, Senior, Cairnes und Schuetz.
Praxeologie: Die Methodologie der Österreichischen Schule
[Aus The Logic of Action One: Method, Money, and the Austrian School von Murray N. Rothbard (Cheltenham, UK: Edward Elgar, 1997), S. 58-77 (Seitenzählung aus dieser Ausgabe übernommen); ferner The Foundations of Modern Austrian Economics, Edwin Dolan, Hrsg. (Kansas City: Sheed and Ward, 1976), S. 19-39.]
Die Praxeologie ist die kennzeichnende Methodologie der Österreichischen Schule. Der Begriff wurde zuerst von Ludwig von Mises auf die österreichische Methode angewandt, der nicht nur der wichtigste Baumeister und Ausgestalter dieser Methodologie war, sondern auch der Ökonom, der sie am vollständigsten und erfolgreichsten zum Aufbau der ökonomischen Theorie nutzte. Während die praxeologische Methode in der zeitgenössischen Ökonomie wie auch in den Sozialwissenschaften im Allgemeinen und in der Wissenschaftstheorie, gelinde gesagt, aus der Mode gekommen ist, war sie die Grundmethode der früheren Österreichischen Schule und ebenso eines beträchtlichen Teils der älteren klassischen Schule, insbesondere von J.B. Say und Nassau W. Senior.
Die Praxeologie beruht auf dem grundlegenden Axiom, dass einzelne Menschen handeln, das heißt auf der ursprünglichen Tatsache, dass Individuen sich bewusst auf gewählte Ziele hin betätigen. Dieser Handlungsbegriff steht im Gegensatz zu rein reflexhaftem oder unwillkürlichem Verhalten, das nicht auf Ziele gerichtet ist. Die praxeologische Methode entfaltet durch verbale Deduktion die logischen Folgerungen dieser ursprünglichen Tatsache. Kurz gesagt, ist die praxeologische Ökonomie das Gefüge der logischen Folgerungen aus der Tatsache, dass Individuen handeln. Dieses Gefüge ist auf dem grundlegenden Handlungsaxiom errichtet und besitzt einige untergeordnete Axiome, etwa dass Individuen verschieden sind und dass die Menschen Muße als ein wertvolles Gut betrachten. Jeden Zweifler, der bestreitet, dass sich aus einer so einfachen Grundlage ein ganzes System der Ökonomie ableiten lasse, verweise ich auf Mises' Menschliches Handeln. Da die Praxeologie überdies mit einem wahren Axiom A beginnt, müssen auch alle Sätze, die sich aus diesem Axiom ableiten lassen, wahr sein. Denn wenn A B impliziert und A wahr ist, dann muss auch B wahr sein.
Betrachten wir einige der unmittelbaren Folgerungen aus dem Handlungsaxiom. Handeln impliziert, dass das Verhalten des Individuums zielgerichtet ist, kurz gesagt, dass es auf Ziele ausgerichtet ist. Überdies impliziert die Tatsache seines Handelns, dass er bewusst bestimmte Mittel gewählt hat, um seine Ziele zu erreichen. Da er diese Ziele erreichen will, müssen sie für ihn wertvoll sein; dementsprechend muss er über Werte verfügen, die seine Entscheidungen lenken. Dass er Mittel einsetzt, impliziert, dass er glaubt, das technologische Wissen zu besitzen, dass bestimmte Mittel seine erwünschten Zwecke verwirklichen werden. Halten wir fest, dass die Praxeologie nicht voraussetzt, dass die Wahl der Werte oder Ziele einer Person weise oder richtig ist oder dass sie die technologisch korrekte Methode gewählt hat, um sie zu erreichen. Alles, was die Praxeologie behauptet, ist, dass der handelnde Einzelne sich Ziele setzt und glaubt, ob nun irrtümlich oder zutreffend, dass er sie durch den Einsatz bestimmter Mittel erreichen kann.
Überdies muss alles Handeln in der wirklichen Welt durch die Zeit hindurch geschehen; alles Handeln findet in irgendeiner Gegenwart statt und ist auf die (unmittelbare oder ferne) künftige Erreichung eines Zwecks gerichtet. Könnten alle Wünsche einer Person augenblicklich verwirklicht werden, so gäbe es für sie überhaupt keinen Grund zu handeln.1 Überdies impliziert die Tatsache, dass ein Mensch handelt, dass er glaubt, das Handeln werde einen Unterschied machen; mit anderen Worten, dass er den aus dem Handeln hervorgehenden Zustand jenem ohne Handeln vorziehen wird. Handeln impliziert daher, dass der Mensch kein allwissendes Wissen über die Zukunft besitzt; denn besäße er ein solches Wissen, so würde keine seiner Handlungen einen Unterschied machen. Folglich impliziert das Handeln, dass wir in einer Welt mit einer ungewissen oder nicht vollständig gewissen Zukunft leben. Dementsprechend dürfen wir unsere Analyse des Handelns dahingehend ergänzen, dass ein Mensch sich entscheidet, in der Gegenwart Mittel gemäß einem technologischen Plan einzusetzen, weil er erwartet, zu irgendeinem künftigen Zeitpunkt seine Ziele zu erreichen.
Die Tatsache, dass Menschen handeln, impliziert notwendigerweise, dass die eingesetzten Mittel im Verhältnis zu den erwünschten Zwecken knapp sind; denn wären alle Mittel nicht knapp, sondern im Überfluss vorhanden, so wären die Zwecke bereits erreicht, und es gäbe keinen Grund zu handeln. Anders ausgedrückt: Ressourcen, die im Überfluss vorhanden sind, fungieren nicht länger als Mittel, weil sie nicht länger Gegenstand des Handelns sind. So ist Luft für das Leben und damit für die Erreichung von Zielen unentbehrlich; da Luft jedoch im Überfluss vorhanden ist, ist sie kein Gegenstand des Handelns und kann daher nicht als Mittel betrachtet werden, sondern vielmehr als das, was Mises eine „allgemeine Bedingung des menschlichen Wohlergehens" nannte. Wo Luft nicht im Überfluss vorhanden ist, kann sie zu einem Gegenstand des Handelns werden, etwa wenn kühle Luft erwünscht ist und warme Luft durch eine Klimaanlage umgewandelt wird. Selbst mit dem absurd unwahrscheinlichen Anbruch eines Eden (oder dessen, was vor einigen Jahren in manchen Kreisen als eine bevorstehende Welt „jenseits der Knappheit" galt), in dem alle Wünsche augenblicklich erfüllt werden könnten, gäbe es immer noch mindestens ein knappes Mittel: die Zeit des Einzelnen, von der jede Einheit, wenn sie einem Zweck zugewiesen wird, notwendigerweise nicht irgendeinem anderen Ziel zugewiesen wird.2
Dies sind einige der unmittelbaren Folgerungen aus dem Handlungsaxiom. Wir sind zu ihnen gelangt, indem wir die logischen Folgerungen aus der bestehenden Tatsache des menschlichen Handelns abgeleitet und somit wahre Schlüsse aus einem wahren Axiom gezogen haben. Abgesehen davon, dass diese Schlüsse nicht mit historischen oder statistischen Mitteln „überprüft" werden können, besteht keine Notwendigkeit, sie zu überprüfen, da ihre Wahrheit bereits festgestellt ist. Die historische Tatsache geht in diese Schlüsse nur insofern ein, als sie bestimmt, welcher Zweig der Theorie im jeweiligen Fall anwendbar ist. So ist für Crusoe und Freitag auf ihrer einsamen Insel die praxeologische Theorie des Geldes nur von akademischem statt von gegenwärtig anwendbarem Interesse. Eine ausführlichere Analyse des Verhältnisses zwischen Theorie und Geschichte im praxeologischen Rahmen wird weiter unten betrachtet.
Es gibt also zwei Teile dieser axiomatisch-deduktiven Methode: den Vorgang der Deduktion und den erkenntnistheoretischen Status der Axiome selbst. Zunächst ist da der Vorgang der Deduktion; warum sind die Mittel verbale statt mathematische Logik?3 Ohne das umfassende österreichische Argument gegen die mathematische Ökonomie darzulegen, lässt sich sogleich ein Punkt anführen: Der Leser nehme die Folgerungen aus dem Handlungsbegriff, wie er in dieser Arbeit bislang entwickelt wurde, und versuche, sie in mathematische Form zu bringen. Und selbst wenn dies gelänge, was wäre damit erreicht außer einem drastischen Bedeutungsverlust bei jedem Schritt des deduktiven Vorgangs? Die mathematische Logik ist der Physik angemessen — jener Wissenschaft, die zur Musterwissenschaft geworden ist, der nach Ansicht moderner Positivisten und Empiristen alle anderen Sozial- und Naturwissenschaften nacheifern sollten. In der Physik sind die Axiome und damit die Deduktionen in sich rein formal und gewinnen nur „operational" Bedeutung, sofern sie gegebene Tatsachen erklären und vorhersagen können. In der Praxeologie hingegen, in der Analyse des menschlichen Handelns, weiß man, dass die Axiome selbst wahr und bedeutungsvoll sind. Folglich ist auch jeder verbale Schritt der Deduktion wahr und bedeutungsvoll; denn es ist die große Eigenschaft verbaler Sätze, dass jeder einzelne bedeutungsvoll ist, wohingegen mathematische Symbole in sich nicht bedeutungsvoll sind. So richtete Lord Keynes, gewiss kein Österreicher und selbst ein namhafter Mathematiker, folgende Kritik an die mathematische Symbolik in der Ökonomie:
Es ist ein großer Fehler der symbolischen pseudomathematischen Methoden zur Formalisierung eines Systems ökonomischer Analyse, dass sie ausdrücklich eine strikte Unabhängigkeit zwischen den beteiligten Faktoren annehmen und ihre gesamte Schlüssigkeit und Geltung verlieren, sobald diese Hypothese nicht zugelassen wird: wohingegen wir in der gewöhnlichen Rede, wo wir nicht blind hantieren, sondern jederzeit wissen, was wir tun und was die Worte bedeuten, die notwendigen Vorbehalte und Einschränkungen sowie die später vorzunehmenden Anpassungen „im Hinterkopf" behalten können, und zwar auf eine Weise, in der wir komplizierte partielle Differentiale nicht „im Hinterkopf" mehrerer Seiten Algebra behalten können, die voraussetzen, dass sie alle verschwinden. Ein zu großer Anteil der jüngeren „mathematischen" Ökonomie besteht aus bloßen Gebräuen, die so ungenau sind wie die Ausgangsannahmen, auf denen sie beruhen, und die es dem Autor erlauben, die Verwicklungen und wechselseitigen Abhängigkeiten der wirklichen Welt in einem Gestrüpp anmaßender und unbrauchbarer Symbole aus den Augen zu verlieren.4
Selbst wenn die verbale Ökonomie erfolgreich in mathematische Symbole übertragen und dann ins Englische zurückübertragen werden könnte, um die Schlüsse zu erläutern, ergibt dieser Vorgang überdies keinen Sinn und verstößt gegen das große wissenschaftliche Prinzip von Ockhams Rasiermesser: die Vermeidung der unnötigen Vervielfältigung von Entitäten.5
Oft wird behauptet, die Übertragung eines Begriffs wie des Maximums aus der gewöhnlichen in die mathematische Sprache bringe eine Verbesserung der logischen Genauigkeit des Begriffs sowie weitergehende Möglichkeiten seiner Verwendung mit sich. Doch der Mangel an mathematischer Präzision in der gewöhnlichen Sprache spiegelt gerade das Verhalten einzelner Menschen in der wirklichen Welt wider … Wir dürften vermuten, dass die Übertragung in mathematische Sprache an sich eine nahegelegte Verwandlung der menschlichen ökonomischen Akteure in faktische Roboter impliziert.6
In ähnlicher Weise hielt einer der ersten Methodologen der Ökonomie, Jean-Baptiste Say, den mathematischen Ökonomen vor, sie
seien nicht imstande gewesen, diese Fragen in analytischer Sprache zu formulieren, ohne ihnen ihre natürliche Verwicklung zu nehmen, und zwar durch Vereinfachungen und willkürliche Auslassungen, deren nicht richtig veranschlagte Folgen stets die Bedingung des Problems wesentlich verändern und all seine Ergebnisse verfälschen.7
In jüngerer Zeit hat Boris Ischboldin den Unterschied zwischen verbaler oder „sprachlicher" Logik („der eigentlichen Analyse des Denkens, ausgedrückt in einer Sprache, die die Wirklichkeit so wiedergibt, wie sie in der gemeinsamen Erfahrung erfasst wird") und „konstruktiver" Logik betont, die „die Anwendung quantitativer (ökonomischer) Daten auf die Konstrukte der Mathematik und der symbolischen Logik" ist, „welche Konstrukte reale Entsprechungen haben können oder auch nicht".8
D. Van Nostrand, 1956), S. 227 [und wieder abgedruckt in Logic of Action One]; Rothbard, Man, Economy, and State, 2 Bde. (Princeton: D Van Nostrand, 1962), 1:65-66. Zur mathematischen Logik als der verbalen Logik untergeordnet siehe Rene Poirier, "Logique," in Vocabulaire technique et critique de la philosophie, Andre Lalande, Hrsg., ⁶ᵗʰ ed. Rev. (Paris: Presses Universitaires de France, 1951), S. 574-75.
Obwohl selbst ein mathematischer Ökonom, verfasste der Mathematiker und Sohn Carl Mengers eine scharfe Kritik an der Vorstellung, eine mathematische Darstellung in der Ökonomie sei notwendigerweise präziser als die gewöhnliche Sprache:
Man betrachte beispielsweise die Aussagen (2) Einem höheren Preis eines Gutes entspricht eine niedrigere (oder jedenfalls keine höhere) Nachfrage.
(2') Bezeichnet p den Preis und q die Nachfrage nach einem Gut, dann gilt
q=f(p) und dq/dp=f′(p)≤0Wer die Formel (2') für genauer oder „mathematischer" hält als den Satz (2), unterliegt einem völligen Missverständnis … der einzige Unterschied zwischen (2) und (2') besteht in folgendem: Da (2') auf Funktionen beschränkt ist, die differenzierbar sind und deren Graphen folglich Tangenten besitzen (was aus ökonomischer Sicht nicht plausibler ist als eine Krümmung), ist der Satz (2) allgemeiner, jedoch keineswegs weniger genau: Er besitzt dieselbe mathematische Genauigkeit wie (2').9
Wenden wir uns nun vom Deduktionsverfahren den Axiomen selbst zu: Welchen erkenntnistheoretischen Status haben sie? Hier werden die Probleme durch eine Meinungsverschiedenheit innerhalb des praxeologischen Lagers verdunkelt, insbesondere hinsichtlich der Natur des grundlegenden Handlungsaxioms. Ludwig von Mises behauptete als Anhänger der kantischen Erkenntnistheorie, dass der Begriff der Handlung allem Erfahren a priori vorausgehe, weil er, wie das Gesetz von Ursache und Wirkung, Teil „des wesentlichen und notwendigen Charakters der logischen Struktur des menschlichen Geistes" sei.10 Ohne allzu tief in die trüben Gewässer der Erkenntnistheorie einzutauchen, würde ich als Aristoteliker und Neuthomist alle derartigen angeblichen „Gesetze der logischen Struktur" leugnen, die der menschliche Geist der chaotischen Struktur der Wirklichkeit notwendigerweise auferlege. Stattdessen würde ich alle solchen Gesetze „Gesetze der Wirklichkeit" nennen, die der Geist aus der Untersuchung und Zusammenstellung der Tatsachen der realen Welt erfasst. Meine Auffassung ist, dass das Grundaxiom und die untergeordneten Axiome aus der Erfahrung der Wirklichkeit gewonnen werden und daher im weitesten Sinne empirisch sind. Ich würde der aristotelisch-realistischen Auffassung zustimmen, dass ihre Lehre radikal empirisch ist, weit mehr als der nachhumesche Empirismus, der in der modernen Philosophie vorherrscht. So schrieb John Wild:
Es ist unmöglich, die Erfahrung auf eine Menge isolierter Eindrücke und atomarer Einheiten zurückzuführen. Auch die relationale Struktur ist mit gleicher Evidenz und Gewissheit gegeben. Die unmittelbaren Daten sind voll bestimmter Struktur, die der Geist leicht abstrahiert und als allgemeine Wesenheiten oder Möglichkeiten erfasst.11
Überdies ist eines der durchgängigen Gegebenheiten aller menschlichen Erfahrung das Dasein; ein weiteres ist das Bewusstsein oder das Gewahrsein. Im Gegensatz zur kantischen Auffassung schrieb Harmon Chapman, dass
das Begreifen eine Art des Gewahrwerdens sei, eine Weise, Dinge zu erfassen oder zu verstehen, und nicht eine angebliche subjektive Handhabung sogenannter Allgemeinheiten oder Universalien, die in ihrem Ursprung allein „geistig" oder „logisch" und ihrer Natur nach nicht-kognitiv seien.
Dass das Begreifen, indem es so in die Sinnesdaten eindringt, diese Daten auch synthetisiert, ist offenkundig. Doch die hier beteiligte Synthese ist, anders als die Synthese Kants, nicht eine vorgängige Bedingung der Wahrnehmung, ein vorausgehender Prozess, der sowohl die Wahrnehmung als auch ihren Gegenstand konstituiert, sondern vielmehr eine kognitive Synthese im Erfassen, das heißt ein Vereinen oder „Begreifen", das mit dem Erfassen selbst eins ist. Mit anderen Worten: Wahrnehmung und Erfahrung sind nicht die Ergebnisse oder Endprodukte eines synthetischen Prozesses a priori, sondern sie sind selbst ein synthetisches oder umfassendes Erfassen, dessen strukturierte Einheit allein durch die Natur des Wirklichen vorgeschrieben wird, das heißt durch die intendierten Gegenstände in ihrer Zusammengehörigkeit und nicht durch das Bewusstsein selbst, dessen (kognitive) Natur darin besteht, das Wirkliche zu erfassen — so, wie es ist.12
Wenn die Axiome der Praxeologie im weiten Sinne radikal empirisch sind, so sind sie doch weit entfernt vom nachhumeschen Empirismus, der die moderne Methodologie der Sozialwissenschaft durchdringt. Über die vorstehenden Erwägungen hinaus gilt: (1) Sie sind so breit in der gemeinsamen menschlichen Erfahrung verankert, dass sie, einmal ausgesprochen, selbstevident werden und daher dem modischen Kriterium der „Falsifizierbarkeit" nicht genügen; (2) sie beruhen, insbesondere das Handlungsaxiom, auf universeller innerer Erfahrung wie auch auf äußerer Erfahrung, das heißt, die Evidenz ist reflexiv und nicht rein physisch; und (3) sie gehen daher a priori den komplexen historischen Ereignissen voraus, auf die der moderne Empirismus den Begriff der „Erfahrung" beschränkt.13
Say, vielleicht der erste Praxeologe, erläuterte die Herleitung der Axiome der ökonomischen Theorie wie folgt:
Hieraus ergibt sich der Vorteil, den jeder genießt, der aus deutlicher und genauer Beobachtung die Existenz dieser allgemeinen Tatsachen feststellen, ihren Zusammenhang aufzeigen und ihre Folgen ableiten kann. Sie gehen ebenso gewiss aus der Natur der Dinge hervor wie die Gesetze der materiellen Welt. Wir erdenken sie nicht; sie sind Ergebnisse, die uns durch umsichtige Beobachtung und Analyse erschlossen werden …
Die politische Ökonomie … besteht aus einigen wenigen Grundprinzipien und einer großen Zahl von Korollarien oder Schlussfolgerungen, die aus diesen Prinzipien gezogen werden … und die von jedem nachdenkenden Geist zugestanden werden können.14
Friedrich A. Hayek beschrieb die praxeologische Methode treffend im Gegensatz zur Methodologie der physikalischen Wissenschaften und betonte überdies die im weiten Sinne empirische Natur der praxeologischen Axiome:
Die Stellung des Menschen … bringt es mit sich, dass die wesentlichen Grundtatsachen, die wir zur Erklärung gesellschaftlicher Phänomene benötigen, Teil der gemeinsamen Erfahrung sind, Teil des Stoffes unseres Denkens. In den Sozialwissenschaften sind es die Elemente der komplexen Phänomene, die über jeden Zweifel hinaus bekannt sind. In den Naturwissenschaften können sie bestenfalls vermutet werden. Die Existenz dieser Elemente ist so viel gewisser als irgendwelche Regelmäßigkeiten in den komplexen Phänomenen, die sie hervorbringen, dass gerade sie den wahrhaft empirischen Faktor in den Sozialwissenschaften bilden. Es kann wenig Zweifel daran bestehen, dass es diese unterschiedliche Stellung des empirischen Faktors im Denkprozess der beiden Gruppen von Disziplinen ist, die der Wurzel vieler Verwirrungen hinsichtlich ihres logischen Charakters zugrunde liegt. Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass in den Naturwissenschaften der Deduktionsprozess von irgendeiner Hypothese ausgehen muss, die das Ergebnis induktiver Verallgemeinerungen ist, während er in den Sozialwissenschaften unmittelbar von bekannten empirischen Elementen ausgeht und sie nutzt, um in den komplexen Phänomenen jene Regelmäßigkeiten zu finden, die die direkte Beobachtung nicht feststellen kann. Sie sind sozusagen empirisch-deduktive Wissenschaften, die von den bekannten Elementen zu den Regelmäßigkeiten in den komplexen Phänomenen fortschreiten, welche sich nicht direkt feststellen lassen.15
In ähnlicher Weise schrieb J.E. Cairnes:
Der Ökonom beginnt mit einer Kenntnis der letzten Ursachen. Er befindet sich bereits zu Beginn seines Unterfangens in jener Stellung, die der Physiker erst nach Zeitaltern mühevoller Forschung erreicht … Zur Entdeckung solcher Prämissen ist kein aufwendiges Verfahren der Induktion nötig … und zwar aus dem Grunde, dass wir von diesen Ursachen unmittelbare Kenntnis haben oder haben können, wenn wir uns dem Gegenstand zuwenden wollen, im Bewusstsein dessen, was in unserem eigenen Geiste vorgeht, und in der Kunde, die uns unsere Sinne … von äußeren Tatsachen vermitteln.16
Nassau W. Senior formulierte es so:
Die physikalischen Wissenschaften, die sich nur in zweiter Linie mit dem Geiste befassen, ziehen ihre Prämissen <%2> fast ausschließlich aus Beobachtung oder Hypothese … Andererseits ziehen die Geisteswissenschaften und die geistigen Künste ihre Prämissen hauptsächlich aus dem Bewusstsein. Die Gegenstände, mit denen sie sich vornehmlich befassen, sind die Wirkungen des menschlichen Geistes. [Diese Prämissen sind] sehr wenige allgemeine Sätze, die das Ergebnis von Beobachtung oder Bewusstsein sind und die fast jeder Mensch, sobald er sie hört, als seinem Denken vertraut oder zumindest als in seinem bisherigen Wissen enthalten anerkennt.17
In einem Kommentar zu seiner völligen Übereinstimmung mit dieser Stelle schrieb Mises, dass diese „unmittelbar evidenten Sätze" von „apriorischer Herleitung" seien, „es sei denn, man wolle die apriorische Erkenntnis als innere Erfahrung bezeichnen".18
Dazu bemerkt Marian Bowley, die Biografin Seniors, mit Recht:
Der einzige grundlegende Unterschied zwischen Mises' allgemeiner Haltung und derjenigen Seniors liegt in Mises' offenkundigem Bestreiten der Möglichkeit, irgendwelche allgemeinen empirischen Daten, das heißt Tatsachen allgemeiner Beobachtung, als anfängliche Prämissen zu verwenden. Dieser Unterschied beruht jedoch auf Mises' grundlegenden Vorstellungen von der Natur des Denkens und hat, obgleich von allgemeiner philosophischer Bedeutung, wenig besondere Relevanz für die ökonomische Methode als solche.19
Es ist zu beachten, dass für Mises allein das grundlegende Handlungsaxiom a priori ist; er räumte ein, dass die untergeordneten Axiome der Verschiedenheit von Mensch und Natur sowie der Muße als eines Konsumgutes im weiten Sinne empirisch sind.
Die moderne nachkantische Philosophie hatte große Mühe, selbstevidente Sätze zu erfassen, die sich gerade durch ihre starke und offenkundige Wahrheit auszeichnen und nicht dadurch, prüfbare Hypothesen zu sein, die nach der gegenwärtigen Mode als „falsifizierbar" gelten. Bisweilen scheint es, als nutzten die Empiristen die modische analytisch-synthetische Dichotomie, wie der Philosoph Hao Wang ihnen vorwarf, um sich Theorien zu entledigen, die sie schwer zu widerlegen finden, indem sie diese als notwendigerweise entweder verkappte Definitionen oder strittige und ungewisse Hypothesen abtun.20
Doch was geschieht, wenn wir die gepriesene „Evidenz" der modernen Positivisten und Empiristen einer Analyse unterziehen? Was ist sie? Wir stellen fest, dass es zwei Arten solcher Evidenz gibt, um einen Satz zu bestätigen oder zu widerlegen: (1) wenn er die Gesetze der Logik verletzt, zum Beispiel impliziert, dass A=−A; oder (2) wenn er durch empirische Tatsachen bestätigt wird (wie in einem Labor), die von vielen Personen überprüft werden können. Doch was ist die Natur solcher „Evidenz" anderes als das, mit verschiedenen Mitteln vollzogene Überführen bislang nebelhafter und dunkler Sätze in eine klare und offenkundige Anschauung, das heißt offenkundig für die wissenschaftlichen Beobachter? Kurz gesagt: Logische oder Laborverfahren dienen dazu, es den „Selbsten" der verschiedenen Beobachter offenkundig zu machen, dass die Sätze entweder bestätigt oder widerlegt sind, oder, um eine unmodische Terminologie zu gebrauchen, entweder wahr oder falsch. In diesem Fall aber besitzen Sätze, die den Selbsten der Beobachter unmittelbar offenkundig sind, mindestens einen ebenso guten wissenschaftlichen Status wie die anderen und gegenwärtig anerkannteren Formen der Evidenz. Oder, wie es der thomistische Philosoph John J. Toohey ausdrückte,
Beweisen bedeutet, etwas offenkundig zu machen, das nicht offenkundig ist. Wenn eine Wahrheit oder ein Satz selbstevident ist, ist es nutzlos, ihn beweisen zu wollen; ihn beweisen zu wollen, hieße, etwas offenkundig machen zu wollen, das bereits offenkundig ist.21
Insbesondere das Handlungsaxiom sollte gemäß der aristotelischen Philosophie unanfechtbar und selbstevident sein, da der Kritiker, der es zu widerlegen versucht, feststellt, dass er es im Verlauf der angeblichen Widerlegung selbst gebrauchen muss. So wird das Axiom von der Existenz des menschlichen Bewusstseins dadurch als selbstevident erwiesen, dass der bloße Akt des Bestreitens der Existenz des Bewusstseins selbst von einem bewussten Wesen vollzogen werden muss. Der Philosoph R.P. Phillips nannte diese Eigenschaft eines selbstevidenten Axioms ein „Bumerang-Prinzip", denn „obwohl wir es von uns fortschleudern, kehrt es wieder zu uns zurück".22 Ein ähnlicher Selbstwiderspruch begegnet dem Menschen, der das Axiom des menschlichen Handelns zu widerlegen versucht. Denn indem er das tut, ist er ipso facto eine Person, die eine bewusste Wahl der Mittel trifft, um zu einem gewählten Zweck zu gelangen: in diesem Falle dem Zweck oder Ziel, das Handlungsaxiom widerlegen zu wollen. Er setzt Handlung ein im Versuch, den Begriff der Handlung zu widerlegen.
Gewiss kann ein Mensch sagen, dass er die Existenz selbstevidenter Prinzipien oder anderer feststehender Wahrheiten der realen Welt leugne, doch dieses bloße Sagen hat keine erkenntnistheoretische Gültigkeit. Wie Toohey hervorhob,
Ein Mensch kann sagen, was ihm beliebt, aber er kann nicht denken oder tun, was ihm beliebt. Er kann sagen, er habe ein rundes Viereck gesehen, aber er kann nicht denken, er habe ein rundes Viereck gesehen. Er kann, wenn er mag, sagen, er habe ein Pferd gesehen, das rittlings auf seinem eigenen Rücken reite, doch wir werden wissen, was wir von ihm zu halten haben, wenn er es sagt.23
Die Methodologie des modernen Positivismus und Empirismus scheitert sogar in den Naturwissenschaften, denen sie weit besser angepasst ist als den Wissenschaften vom menschlichen Handeln; und sie versagt besonders dort, wo sich die beiden Arten von Disziplinen berühren. So wies der Phänomenologe Alfred Schütz, ein Schüler von Mises in Wien, der die Anwendung der Phänomenologie auf die Sozialwissenschaften maßgeblich vorangetrieben hat, auf den Widerspruch hin, der darin liegt, dass die Empiristen auf dem Prinzip der empirischen Verifizierbarkeit in der Wissenschaft bestehen, während sie gleichzeitig die Existenz „anderer Bewusstseine" als unverifizierbar bestreiten. Doch wer soll die Verifikation im Labor vornehmen, wenn nicht eben diese „anderen Bewusstseine" der versammelten Wissenschaftler? Schütz schrieb:
Es ist ... nicht verständlich, dass dieselben Autoren, die überzeugt sind, für die Intelligenz anderer Menschen sei keine Verifikation möglich, ein solches Vertrauen in das Prinzip der Verifizierbarkeit selbst setzen, das nur durch Zusammenwirken mit anderen verwirklicht werden kann.²⁶
Auf diese Weise ignorieren die modernen Empiristen die notwendigen Voraussetzungen eben jener wissenschaftlichen Methode, für die sie eintreten. Für Schütz ist die Kenntnis solcher Voraussetzungen im weitesten Sinne „empirisch",
sofern wir diesen Ausdruck nicht auf die sinnliche Wahrnehmung von Gegenständen und Ereignissen der Außenwelt beschränken, sondern jene Erfahrungsform einbeziehen, durch die das alltägliche Denken des gesunden Menschenverstandes menschliche Handlungen und deren Ergebnisse im Hinblick auf die ihnen zugrunde liegenden Beweggründe und Ziele versteht.24
Nachdem wir das Wesen der Praxeologie, ihre Verfahren und Axiome sowie ihre philosophischen Grundlagen behandelt haben, wollen wir nun betrachten, in welchem Verhältnis die Praxeologie zu den anderen Disziplinen steht, die das menschliche Handeln untersuchen. Worin bestehen insbesondere die Unterschiede zwischen der Praxeologie und der Technologie, der Psychologie, der Geschichte und der Ethik — die sich alle auf irgendeine Weise mit dem menschlichen Handeln befassen?
Kurz gesagt besteht die Praxeologie aus den logischen Folgerungen der allgemeinen formalen Tatsache, dass Menschen handeln, dass sie Mittel einsetzen, um angestrebte Ziele zu erreichen. Die Technologie befasst sich mit dem inhaltlichen Problem, wie sich Ziele durch die Anwendung von Mitteln erreichen lassen. Die Psychologie befasst sich mit der Frage, warum Menschen verschiedene Ziele wählen und wie sie dabei vorgehen. Die Ethik befasst sich mit der Frage, welche Ziele oder Werte Menschen wählen sollen. Und die Geschichte befasst sich mit den in der Vergangenheit gewählten Zielen, mit den Mitteln, die zu ihrer Erreichung eingesetzt wurden — und mit den Folgen, die diese Handlungen hatten.
Die Praxeologie, insbesondere die ökonomische Theorie, ist somit eine einzigartige Disziplin innerhalb der Sozialwissenschaften; denn im Gegensatz zu den übrigen befasst sie sich nicht mit dem Inhalt der Werte, Ziele und Handlungen der Menschen — nicht damit, was sie getan haben oder wie sie gehandelt haben oder wie sie handeln sollten — sondern rein mit der Tatsache, dass sie Ziele haben und handeln, um sie zu erreichen. Die Gesetze des Nutzens, der Nachfrage, des Angebots und des Preises gelten unabhängig von der Art der begehrten oder erzeugten Güter und Dienstleistungen. Wie Joseph Dorfman über Herbert J. Davenports Outlines of Economic Theory (1896) schrieb: Der ethische Charakter der Begierden war kein grundlegender Bestandteil seiner Untersuchung. Menschen arbeiteten und nahmen Entbehrungen auf sich für „Whiskey, Zigarren und Einbrecherwerkzeug", sagte er, „ebenso wie für Nahrung, für Statuen oder für Erntemaschinen". Solange die Menschen bereit waren, „Torheit und Übel" zu kaufen und zu verkaufen, waren die erstgenannten Güter ökonomische Faktoren mit Marktgeltung, denn Nutzen bedeutete als ökonomischer Begriff lediglich Eignung zur Befriedigung menschlicher Begierden. Solange die Menschen sie begehrten, befriedigten sie ein Bedürfnis und waren Beweggründe der Produktion. Daher musste die Ökonomie den Ursprung der Entscheidungen nicht untersuchen.25
Die Praxeologie ruht, ebenso wie die soliden Bestandteile der anderen Sozialwissenschaften, auf dem methodologischen Individualismus, auf der Tatsache, dass nur Individuen fühlen, werten, denken und handeln. Dem Individualismus ist von seinen Kritikern stets — und stets zu Unrecht — die Annahme unterstellt worden, jedes Individuum sei ein hermetisch abgeschlossenes „Atom", abgeschnitten von anderen Personen und von ihnen unbeeinflusst. Diese absurde Fehldeutung des methodologischen Individualismus liegt J.K. Galbraiths triumphierender Darlegung in The Affluent Society (Boston: Houghton Mifflin, 1958) zugrunde, wonach die Werte und Entscheidungen der Individuen von anderen Personen beeinflusst werden und die ökonomische Theorie deshalb angeblich ungültig sei. Galbraith schloss aus seiner Darlegung ferner, dass diese Entscheidungen, weil beeinflusst, künstlich und unrechtmäßig seien. Die Tatsache, dass die praxeologische ökonomische Theorie auf der allgemeinen Tatsache individueller Werte und Entscheidungen beruht, bedeutet — um Dorfmans Zusammenfassung von Davenports Gedanken zu wiederholen —, dass die ökonomische Theorie „den Ursprung der Entscheidungen nicht zu untersuchen braucht". Die ökonomische Theorie beruht nicht auf der absurden Annahme, dass jedes Individuum zu seinen Werten und Entscheidungen in einem Vakuum gelangt, abgeschottet von menschlichem Einfluss. Offenkundig lernen Individuen fortwährend voneinander und beeinflussen einander. Wie F.A. Hayek in seiner zu Recht berühmten Kritik an Galbraith, „The Non Sequitur of the 'Dependence Effect'", schrieb:
Professor Galbraiths Argument ließe sich leicht und ohne jede Änderung der wesentlichen Begriffe heranziehen, um die Wertlosigkeit der Literatur oder jeder anderen Kunstform nachzuweisen. Gewiss ist das Bedürfnis eines Individuums nach Literatur nicht in dem Sinne ursprünglich aus ihm selbst entsprungen, dass es dieses Bedürfnis auch dann empfände, wenn keine Literatur hervorgebracht würde. Bedeutet dies dann, dass sich die Hervorbringung von Literatur nicht als Befriedigung eines Bedürfnisses verteidigen lässt, weil es erst die Hervorbringung ist, die die Nachfrage hervorruft?26
Dass die Ökonomie der österreichischen Schule von Anfang an fest auf einer Analyse der Tatsache individueller subjektiver Werte und Entscheidungen ruht, führte die frühen Österreicher leider dazu, den Ausdruck psychologische Schule zu übernehmen. Das Ergebnis war eine Reihe fehlgeleiteter Vorwürfe, die jüngsten Erkenntnisse der Psychologie seien nicht in die ökonomische Theorie eingearbeitet worden. Es führte überdies zu Missverständnissen, etwa dem, dass das Gesetz des abnehmenden Grenznutzens auf einem psychologischen Gesetz der Sättigung der Bedürfnisse beruhe. Tatsächlich ist dieses Gesetz, wie Mises mit Nachdruck betonte, praxeologischer und nicht psychologischer Natur und hat mit dem Inhalt der Bedürfnisse nichts zu tun, etwa damit, dass der zehnte Löffel Eis weniger angenehm schmecken mag als der neunte. Es handelt sich vielmehr um eine praxeologische Wahrheit, abgeleitet aus dem Wesen des Handelns, dass die erste Einheit eines Gutes seiner wertvollsten Verwendung zugewiesen wird, die nächste Einheit der nächstwertvollen und so fort.27 In einem Punkt, und nur in diesem einen Punkt, beziehen die Praxeologie und die verwandten Wissenschaften vom menschlichen Handeln jedoch in der philosophischen Psychologie Stellung: in dem Satz, dass der menschliche Geist, das Bewusstsein und die Subjektivität existieren und dass deshalb Handeln existiert. Darin steht sie der philosophischen Grundlage des Behaviorismus und verwandter Lehren entgegen und schließt sich mit allen Zweigen der klassischen Philosophie und mit der Phänomenologie zusammen. In allen übrigen Fragen sind die Praxeologie und die Psychologie jedoch voneinander verschiedene und getrennte Disziplinen.28
Eine besonders entscheidende Frage ist das Verhältnis zwischen ökonomischer Theorie und Geschichte. Auch hier leistete Ludwig von Mises, wie auf so vielen anderen Gebieten der österreichischen Ökonomie, den herausragenden Beitrag, insbesondere in seinem Werk Theory and History.29 Es ist besonders eigenartig, dass Mises und andere Praxeologen, als angebliche „Aprioristinnen", häufig beschuldigt worden sind, der Geschichte „feindlich" gegenüberzustehen. Mises vertrat in der Tat nicht nur die Ansicht, dass die ökonomische Theorie nicht durch historische Tatsachen „geprüft" zu werden braucht, sondern auch, dass sie so gar nicht geprüft werden kann. Damit eine Tatsache zur Prüfung von Theorien verwendbar ist, muss sie eine einfache Tatsache sein, gleichartig mit anderen Tatsachen in zugänglichen und wiederholbaren Klassen. Kurz gesagt: Die Theorie, dass sich ein Atom Kupfer, ein Atom Schwefel und vier Atome Sauerstoff zu einer erkennbaren Einheit namens Kupfersulfat mit bekannten Eigenschaften verbinden, lässt sich im Labor mühelos prüfen. Jedes dieser Atome ist gleichartig, und daher ist die Prüfung unbegrenzt wiederholbar. Doch jedes historische Ereignis ist, wie Mises betonte, weder einfach noch wiederholbar; jedes Ereignis ist ein komplexes Resultat einer wechselnden Vielfalt mehrfacher Ursachen, von denen keine je in gleichbleibenden Beziehungen zu den anderen verharrt. Jedes historische Ereignis ist daher ungleichartig, und deshalb können historische Ereignisse weder zur Prüfung noch zur Aufstellung von Geschichtsgesetzen, ob quantitativ oder anderweitig, herangezogen werden. Wir können jedes Kupferatom einer gleichartigen Klasse von Kupferatomen zuordnen; mit den Ereignissen der menschlichen Geschichte können wir das nicht.
Damit soll natürlich nicht gesagt sein, dass es keine Ähnlichkeiten zwischen historischen Ereignissen gäbe. Es gibt viele Ähnlichkeiten, aber keine Gleichartigkeit. So gab es zahlreiche Ähnlichkeiten zwischen der Präsidentschaftswahl von 1968 und der von 1972, doch waren es keineswegs gleichartige Ereignisse, da sie durch bedeutende und unumgängliche Unterschiede gekennzeichnet waren. Auch die nächste Wahl wird kein wiederholbares Ereignis sein, das sich in eine gleichartige Klasse von „Wahlen" einordnen ließe. Daher lassen sich aus diesen Ereignissen keine wissenschaftlichen und schon gar keine quantitativen Gesetze ableiten.
Mises' radikal grundsätzliche Ablehnung der Ökonometrie wird nun deutlich. Die Ökonometrie versucht nicht nur, die Naturwissenschaften nachzuahmen, indem sie komplexe, ungleichartige historische Tatsachen so behandelt, als wären sie wiederholbare, gleichartige Labortatsachen; sie presst überdies die qualitative Komplexität jedes Ereignisses in eine quantitative Zahl und steigert den Fehlschluss dann noch, indem sie so handelt, als blieben diese quantitativen Beziehungen im Laufe der menschlichen Geschichte konstant. In auffälligem Gegensatz zu den Naturwissenschaften, die auf der empirischen Entdeckung quantitativer Konstanten ruhen, hat die Ökonometrie, wie Mises wiederholt betonte, in der menschlichen Geschichte keine einzige Konstante entdeckt. Und angesichts der sich beständig wandelnden Bedingungen des menschlichen Willens, Wissens und Wertens sowie der Unterschiede zwischen den Menschen ist es undenkbar, dass die Ökonometrie dies je vermöchte.
Weit davon entfernt, der Geschichte feindlich gegenüberzustehen, hegt der Praxeologe — und nicht die vermeintlichen Bewunderer der Geschichte — tiefe Achtung vor den nicht reduzierbaren und einzigartigen Tatsachen der menschlichen Geschichte. Es ist überdies der Praxeologe, der anerkennt, dass der Sozialwissenschaftler einzelne Menschen nicht mit Recht so behandeln darf, als wären sie keine Menschen, die einen Geist besitzen und gemäß ihren Werten und Erwartungen handeln, sondern Steine oder Moleküle, deren Lauf sich wissenschaftlich in angeblichen Konstanten oder quantitativen Gesetzen verfolgen ließe. Und als krönende Ironie ist es der Praxeologe, der wahrhaft empirisch verfährt, weil er den einzigartigen und ungleichartigen Charakter historischer Tatsachen anerkennt; es ist der selbsternannte „Empirist", der die Tatsachen der Geschichte grob verletzt, indem er versucht, sie auf quantitative Gesetze zu reduzieren. Über die Ökonometriker und andere Spielarten der „quantitativen Ökonomen" schrieb Mises Folgendes:
Es gibt im Bereich der Ökonomie keine konstanten Beziehungen, und folglich ist keine Messung möglich. Wenn ein Statistiker feststellt, dass auf einen Anstieg des Kartoffelangebots um 10 Prozent in Atlantis zu einem bestimmten Zeitpunkt ein Preisrückgang um 8 Prozent folgte, so stellt er damit nichts darüber fest, was bei einer Veränderung des Kartoffelangebots in einem anderen Land oder zu einer anderen Zeit geschah oder geschehen mag. Er hat die „Nachfrageelastizität" der Kartoffeln nicht „gemessen". Er hat eine einzigartige individuelle historische Tatsache festgestellt. Kein verständiger Mensch kann bezweifeln, dass das Verhalten der Menschen in Bezug auf Kartoffeln und jedes andere Gut veränderlich ist. Verschiedene Individuen schätzen dieselben Dinge auf verschiedene Weise, und die Wertschätzungen ändern sich bei denselben Individuen mit den sich ändernden Bedingungen ...
Die Unmöglichkeit der Messung beruht nicht auf dem Fehlen technischer Verfahren zur Festlegung von Maßen. Sie beruht auf dem Fehlen konstanter Beziehungen ... Die Ökonomie ist nicht, wie ... die Positivisten immer wieder behaupten, deshalb rückständig, weil sie nicht „quantitativ" ist. Sie ist nicht quantitativ und misst nicht, weil es keine Konstanten gibt. Statistische Zahlen, die sich auf ökonomische Ereignisse beziehen, sind historische Daten. Sie sagen uns, was in einem nicht wiederholbaren historischen Fall geschah. Physikalische Ereignisse lassen sich auf der Grundlage unseres Wissens über durch Experimente festgestellte konstante Beziehungen deuten. Historische Ereignisse sind einer solchen Deutung nicht zugänglich ...
Erfahrung in der Wirtschaftsgeschichte ist stets Erfahrung komplexer Phänomene. Sie kann niemals jene Art von Wissen vermitteln, das der Experimentator aus einem Laborversuch abstrahiert. Die Statistik ist eine Methode zur Darstellung historischer Tatsachen. . . . Die Preisstatistik ist Wirtschaftsgeschichte. Die Einsicht, dass eine Zunahme der Nachfrage ceteris paribus zu einem Anstieg der Preise führen muss, ist nicht aus der Erfahrung gewonnen. Niemand war je oder wird je in der Lage sein, eine Veränderung eines einzelnen Marktdatums ceteris paribus zu beobachten. So etwas wie eine quantitative Volkswirtschaftslehre gibt es nicht. Alle ökonomischen Größen, die wir kennen, sind Daten der Wirtschaftsgeschichte. . . . Niemand ist so kühn zu behaupten, dass ein Anstieg um A Prozent im Angebot irgendeiner Ware stets — in jedem Land und zu jeder Zeit — zu einem Preisrückgang um B Prozent führen müsse. Da jedoch noch kein quantitativer Ökonom es gewagt hat, auf Grundlage statistischer Erfahrung die besonderen Bedingungen genau zu bestimmen, die eine definierte Abweichung vom Verhältnis A:B hervorbringen, ist die Vergeblichkeit seiner Bemühungen offenkundig.30
In Ausarbeitung seiner Kritik der Konstanten fügte Mises hinzu:
Die Größen, die wir im Bereich des menschlichen Handelns beobachten . . . sind offensichtlich veränderlich. Die in ihnen auftretenden Veränderungen wirken sich klar auf das Ergebnis unseres Handelns aus. Jede Größe, die wir beobachten können, ist ein historisches Ereignis, eine Tatsache, die sich nicht vollständig beschreiben lässt, ohne Zeit und geographischen Punkt anzugeben.
Der Ökonometriker vermag diese Tatsache nicht zu widerlegen, die seiner Argumentation den Boden entzieht. Er kann nicht umhin einzuräumen, dass es keine „Verhaltenskonstanten" gibt. Dennoch will er gewisse Zahlen, die er willkürlich auf Grundlage historischer Tatsachen auswählt, als „unbekannte Verhaltenskonstanten" einführen. Die einzige Entschuldigung, die er vorbringt, ist, dass seine Hypothesen „nur besagen, dass diese unbekannten Zahlen über einen Zeitraum von Jahren hinweg einigermaßen konstant bleiben".31 Ob nun ein solcher Zeitraum vermeintlicher Konstanz einer bestimmten Zahl noch andauert oder ob bereits eine Veränderung der Zahl eingetreten ist, lässt sich erst nachträglich feststellen. Im Rückblick mag es möglich sein, wenngleich nur in seltenen Fällen, zu erklären, dass über einen (wahrscheinlich recht kurzen) Zeitraum hinweg ein annähernd stabiles Verhältnis zwischen den Zahlenwerten zweier Faktoren herrschte, das der Ökonometriker als „einigermaßen" konstantes Verhältnis zu bezeichnen beliebt. Doch dies ist etwas grundlegend anderes als die Konstanten der Physik. Es ist die Behauptung einer historischen Tatsache, nicht einer Konstante, auf die man bei Versuchen zur Vorhersage künftiger Ereignisse zurückgreifen könnte.32
Die hochgelobten Gleichungen sind, soweit sie sich auf die Zukunft beziehen, lediglich Gleichungen, in denen alle Größen unbekannt sind.33
In der mathematischen Behandlung der Physik ist die Unterscheidung zwischen Konstanten und Variablen sinnvoll; sie ist in jedem Fall technologischer Berechnung wesentlich. In der Volkswirtschaftslehre gibt es keine konstanten Beziehungen zwischen verschiedenen Größen. Folglich sind alle ermittelbaren Daten Variablen oder, was auf dasselbe hinausläuft, historische Daten. Die mathematischen Ökonomen wiederholen immer wieder, dass die missliche Lage der mathematischen Volkswirtschaftslehre darin bestehe, dass es eine große Zahl von Variablen gebe. Die Wahrheit ist, dass es nur Variablen und keine Konstanten gibt. Es ist sinnlos, von Variablen zu sprechen, wo es keine Invariablen gibt.34
Was ist also das richtige Verhältnis zwischen ökonomischer Theorie und Wirtschaftsgeschichte oder, genauer gesagt, der Geschichte im Allgemeinen? Die Aufgabe des Historikers besteht darin, die einzigartigen historischen Tatsachen, die sein Gebiet ausmachen, zu erklären; um dies angemessen zu tun, muss er alle einschlägigen Theorien aus all den verschiedenen Disziplinen heranziehen, die sein Problem berühren. Denn historische Tatsachen sind komplexe Resultanten einer Unzahl von Ursachen, die aus verschiedenen Aspekten der menschlichen Verfassung herrühren. So muss der Historiker bereit sein, nicht nur die praxeologische ökonomische Theorie zu verwenden, sondern auch Einsichten aus Physik, Psychologie, Technik und Militärstrategie, zusammen mit einem deutenden Verständnis der Beweggründe und Ziele der Einzelnen. Er muss diese Werkzeuge einsetzen, um sowohl die Ziele der verschiedenen Handlungen der Geschichte als auch die Folgen solcher Handlungen zu verstehen. Da es um das Verständnis unterschiedlicher Einzelner und ihrer Wechselwirkungen geht, ebenso wie um den historischen Kontext, ist der Historiker, der die Werkzeuge der Natur- und Sozialwissenschaft gebraucht, in letzter Analyse ein „Künstler", und daher gibt es keine Gewähr oder auch nur Wahrscheinlichkeit, dass zwei Historiker eine Situation auf genau dieselbe Weise beurteilen werden. Mögen sie sich auch über eine Reihe von Faktoren zur Erklärung der Entstehung und der Folgen eines Ereignisses einig sein, so werden sie sich doch kaum über das genaue Gewicht einigen, das jedem ursächlichen Faktor zukommt. Beim Einsatz verschiedener wissenschaftlicher Theorien müssen sie Urteile über die Relevanz fällen, welche Theorien im jeweiligen Fall anzuwenden sind; um auf ein früher in dieser Abhandlung verwendetes Beispiel zurückzukommen: Ein Historiker Robinson Crusoes würde wohl kaum die Geldtheorie zur historischen Erklärung seiner Handlungen auf einer einsamen Insel heranziehen. Für den Wirtschaftshistoriker wird das ökonomische Gesetz durch historische Tatsachen weder bestätigt noch geprüft; vielmehr wird das Gesetz, wo es einschlägig ist, angewandt, um die Tatsachen erklären zu helfen. Die Tatsachen veranschaulichen dadurch das Wirken des Gesetzes. Das Verhältnis zwischen der praxeologischen ökonomischen Theorie und dem Verständnis der Wirtschaftsgeschichte hat Alfred Schütz auf feinsinnige Weise zusammengefasst:
Kein ökonomischer Akt ist denkbar ohne irgendeinen Bezug zu einem ökonomisch Handelnden, doch dieser ist völlig anonym; er ist nicht du, noch ich, noch ein Unternehmer, noch auch nur ein „homo oeconomicus" als solcher, sondern ein reines, allgemeines „man". Dies ist der Grund, weshalb die Sätze der theoretischen Volkswirtschaftslehre eben jene „universale Gültigkeit" besitzen, die ihnen die Idealität des „und so weiter" und „ich kann es wieder tun" verleiht. Man kann jedoch den ökonomisch Handelnden als solchen untersuchen und herauszufinden suchen, was in seinem Inneren vorgeht; freilich betreibt man dann nicht theoretische Volkswirtschaftslehre, sondern Wirtschaftsgeschichte oder Wirtschaftssoziologie. . . . Die Aussagen dieser Wissenschaften können jedoch keine universale Gültigkeit beanspruchen, denn sie handeln entweder von den ökonomischen Gesinnungen bestimmter historischer Individuen oder von Typen ökonomischer Tätigkeit, für die die fraglichen ökonomischen Akte als Beleg dienen. . . .
Unserer Auffassung nach ist die reine Volkswirtschaftslehre ein vollkommenes Beispiel eines objektiven Sinnzusammenhangs über subjektive Sinnzusammenhänge, mit anderen Worten, einer objektiven Sinnkonfiguration, die die typischen und invarianten subjektiven Erlebnisse eines jeden festlegt, der innerhalb eines ökonomischen Rahmens handelt. . . Auszuschließen aus einem solchen Schema wäre jede Erwägung der Verwendungen, denen die „Güter" zugeführt werden sollen, nachdem sie erworben sind. Sobald wir aber unsere Aufmerksamkeit dem subjektiven Sinn einer wirklichen einzelnen Person zuwenden und das anonyme „jedermann" hinter uns lassen, dann ist es selbstverständlich sinnvoll, von einem Verhalten zu sprechen, das atypisch ist. . . . Gewiss ist ein solches Verhalten vom Standpunkt der Volkswirtschaftslehre aus belanglos, und in diesem Sinne sind ökonomische Grundsätze, in Mises' Worten, „keine Aussage darüber, was gewöhnlich geschieht, sondern darüber, was notwendigerweise geschehen muss".35
Überdies wiesen, wie der Politikwissenschaftler Bruno Leoni und der Mathematiker Eugenio Frola darlegten,