FOLIO I · DENKER · GEN. 03 · N° 067

William Emmanuel Rappard

Werke
17
Artikel
13
Generation
3.
Porträt von William Emmanuel Rappard
FOL. 03 · N° 067 · William Emmanuel Rappard
BIOGRAPHIE

Leben und Werk

William Emmanuel Rappard wurde am 22. April 1883 in New York City als Sohn des Schweizer Stickereikaufmanns Auguste Rappard und der Julie geborenen Hoffmann geboren. Nach der Primarschule in New York absolvierte er 1899–1901 das Gymnasium in Genf. Er erwarb 1906 das Lizenziat und 1908 das Doktorat der Rechte an der Universität Genf; parallel führten ihn Studienaufenthalte zwischen 1905 und 1909 nach Berlin, München, Harvard, Paris und Wien. In Wien hörte er 1908/09 die Seminare von Eugen von Böhm-Bawerk und Eugen Philippovich, die seinen ökonomischen Zugang prägten; sein historiographisches Programm formte er unter dem Einfluss Carl Grünbergs aus. 1909/10 wirkte Rappard als Assistent des Internationalen Arbeitsamts in Basel, 1910/11 als stellvertretender Professor für Wirtschaftsgeschichte in Genf und 1912 als Assistenzprofessor für Ökonomie in Harvard. 1913 wurde er an die Universität Genf berufen, wo er bis 1928 den Lehrstuhl für Wirtschaftsgeschichte und von 1915 bis 1957 den für öffentliche Finanzen innehatte. Zweimal stand er der Universität als Rektor vor (1926–1928, 1936–1938). Als offizieller Vertreter des Bundesrats an der Pariser Friedenskonferenz 1919 erreichte er die Wahl Genfs als Sitz des Völkerbunds und den Beitritt der Schweiz unter Wahrung der Neutralität. Zwischen 1920 und 1924 leitete er die Sektion Völkerbundsmandate, 1925–1939 gehörte er der ständigen Mandatskommission an. 1927 gründete Rappard mit Paul Mantoux das „Institut universitaire de hautes études internationales“ (IHEID), die weltweit erste Graduate School allein für internationale Studien. Als Kodirektor (1928–1951) und Direktor (1951–1955) gab er der Genfer Schule ihr liberales Profil. Im März 1934 bot er Ludwig von Mises eine Professur für International Economic Relations an, die dieser im Oktober 1934 antrat und bis zur Emigration in die USA im Juli 1940 hielt. Auch Hans Kelsen, Wilhelm Röpke und Michael Heilperin gehörten zu Rappards Berufungen; Friedrich Hayek hielt Gastvorlesungen am Institut. Diese Genfer Konstellation rettete einen Kern der mitteleuropäischen liberalen Wissenschaft über den Krieg. Am 1. April 1947 eröffnete Rappard die Gründungstagung der Mont-Pèlerin-Gesellschaft, die Hayek am Genfersee einberufen hatte. Als pragmatischer Liberaler, jedem Dogmatismus abhold, verfasste er zahlreiche wirtschafts- und verfassungsgeschichtliche Studien, darunter das frühe Schweizer Standardwerk „Le facteur économique dans l'avènement de la démocratie moderne en Suisse“ (1912), „The Crisis of Democracy“ (1938) und „The Secret of American Prosperity“ (1955). Er starb am 29. April 1958 in Bellevue bei Genf. Sein Name lebt im Genfer Centre William Rappard fort, dem heutigen Sitz der Welthandelsorganisation.
Metadaten
22. April 1883
29. April 1958
3. Generation
Lebensstationen

Stationen

  1. ⁦1899–1901⁩
    ⁦1899–1901⁩
    Gymnasium in Genf

    Nach der Primarschule in New York Übersiedlung der Familie nach Genf; Mittelschulzeit im Stammkanton.

  2. ⁦1905–1909⁩
    ⁦1905–1909⁩
    Studienaufenthalte an mehreren Universitäten

    Parallel zum Genfer Hauptstudium Aufenthalte u. a. in Berlin und München; Harvard-Graduate-Studium 1906–1908; Wien 1908/09 mit Seminaren bei Eugen von Böhm-Bawerk und Eugen Philippovich.

  3. 1906
    1906
    Lizenziat der Rechte, Universität Genf

    Abschluss des Grundstudiums in Genf.

  4. 1908
    1908
    Dr. iur., Universität Genf

    Promotion zum Doktor der Rechte an der Universität Genf.

  5. ⁦1909–1910⁩
    ⁦1909–1910⁩
    Assistent am Internationalen Arbeitsamt

    Erste berufliche Station am Internationalen Arbeitsamt in Basel.

  6. ⁦1910–1911⁩
    ⁦1910–1911⁩
    Stellvertretender Professor für Wirtschaftsgeschichte

    Übernahme der Wirtschaftsgeschichte an der Universität Genf in Vertretung.

  7. ⁦1912–1913⁩
    ⁦1912–1913⁩
    Assistant Professor of Economics, Harvard

    Lehrtätigkeit als Assistenzprofessor für politische Ökonomie an der Harvard University.

  8. ⁦1913–1928⁩
    ⁦1913–1928⁩
    Ordinarius für Wirtschaftsgeschichte, Universität Genf

    Berufung auf den Lehrstuhl für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Genf.

  9. ⁦1915–1957⁩
    ⁦1915–1957⁩
    Ordinarius für öffentliche Finanzen, Universität Genf

    Parallele Professur für öffentliche Finanzen, gehalten über vier Jahrzehnte bis kurz vor dem Tod.

  10. 1919
    1919
    Vertreter des Bundesrats, Friedenskonferenz Paris

    Setzte als offizieller Schweizer Vertreter Genf als Sitz des Völkerbunds und den Schweizer Beitritt unter Neutralitätsvorbehalt durch.

  11. ⁦1920–1924⁩
    ⁦1920–1924⁩
    Leiter der Sektion Völkerbundsmandate

    Direktor der Mandates Section beim Völkerbund-Sekretariat in Genf.

  12. ⁦1925–1939⁩
    ⁦1925–1939⁩
    Mitglied der ständigen Mandatskommission

    Über vierzehn Jahre Mitglied der Permanent Mandates Commission des Völkerbunds.

  13. ⁦1926–1928⁩
    ⁦1926–1928⁩
    Rektor der Universität Genf (erste Amtszeit)

    Erste von zwei Rektoratsperioden an der Universität Genf.

  14. 1927
    1927
    Gründung des Institut universitaire de hautes études internationales

    Mitgründer des IHEID mit Paul Mantoux, der weltweit ersten Graduate School für internationale Studien.

  15. ⁦1928–1951⁩
    ⁦1928–1951⁩
    Kodirektor des IHEID

    Gemeinsame Leitung des Genfer Instituts mit Paul Mantoux; prägt das liberale Profil der Schule.

  16. ⁦1934–1940⁩
    ⁦1934–1940⁩
    Berufung Ludwig von Mises ans IHEID

    Im März 1934 bietet Rappard Mises die Professur für International Economic Relations an; Mises tritt im Oktober 1934 an und bleibt bis Juli 1940.

  17. ⁦1936–1938⁩
    ⁦1936–1938⁩
    Rektor der Universität Genf (zweite Amtszeit)

    Zweite Rektoratsperiode in den späten 1930er Jahren.

  18. ⁦1941–1943⁩
    ⁦1941–1943⁩
    Nationalrat (Landesring der Unabhängigen)

    Schweizer Parlamentarier für den Landesring der Unabhängigen im Zweiten Weltkrieg.

  19. 1947
    1947
    Eröffnungsansprache Mont-Pèlerin-Gründung

    Hält am 1. April 1947 die Eröffnungsansprache der Gründungstagung der Mont-Pèlerin-Gesellschaft am Genfersee.

  20. ⁦1951–1955⁩
    ⁦1951–1955⁩
    Direktor des IHEID

    Alleinige Leitung des Genfer Instituts nach Mantoux' Ausscheiden.

  21. 1958
    1958
    Tod in Bellevue

    Stirbt am 29. April 1958 in Bellevue bei Genf, eine Woche nach seinem 75. Geburtstag.

Beziehungen

Beeinflussungen

Beeinflusst von · 5
  1. ⁦1908–1909⁩
    ⁦1908–1909⁩

    Rappard besuchte 1908/09 das Wiener Seminar Böhm-Bawerks, einer der prägendsten Lehrer der österreichischen Schule vor dem Ersten Weltkrieg.

  2. ⁦1908–1909⁩
    ⁦1908–1909⁩

    Parallel zu Böhm-Bawerk hörte Rappard 1908/09 in Wien die Seminare Philippovichs.

  3. ⁦1934–1940⁩
    ⁦1934–1940⁩
    Hans Kelsen⁦(1881–1973)⁩ · Wiener Rechtstheorie

    Rappard berief Kelsen ans IHEID auf den Lehrstuhl für internationales Recht; gemeinsam Teil der Genfer Fakultät der 1930er Jahre.

  4. ⁦1937–1958⁩
    ⁦1937–1958⁩
    Wilhelm Röpke⁦(1899–1966)⁩ · Ordoliberalismus

    Röpke kam zunächst als Gastdozent ans IHEID und wurde anschließend regulärer Professor für International Economic Relations; mit Rappard Eckpfeiler der Genfer liberalen Schule.

  5. ⁦1947–1958⁩
    ⁦1947–1958⁩
    Mont Pèlerin Society · Sammelknoten Mont Pèlerin Society

    Rappard hielt am 1. April 1947 die Eröffnungsansprache der Mont-Pèlerin-Gründungstagung am Genfersee und gehörte zum Schweizer Gründungskreis um Hayek.

William Emmanuel Rappard im Kontext der gesamten Schule: fünf Generationen, ihre Lehrer-Schüler-Linien, Zirkel und Kollegenschaften.

Topographie

Wirkungsorte

WERKVERZEICHNIS · CHRONOLOGISCH

Die Bücher

1910er
1912
Le facteur économique dans l'avènement de la démocratie moderne en Suisse, Band I
OriginalFranzösisch
1914
La révolution industrielle et les origines de la protection légale du travail en Suisse
OriginalFranzösisch
1920er
1925
International Relations as Viewed from Geneva
OriginalEnglisch
La politique de la Suisse dans la Société des Nations, 1920-1925: un premier bilan
OriginalFranzösisch
1930er
1930
Uniting Europe: The Trend of International Cooperation since the War
OriginalEnglisch
1931
The Geneva Experiment
OriginalEnglisch
1936
L'individu et l'Etat dans l'évolution constitutionnelle de la Suisse
OriginalFranzösisch
1938
The Crisis of Democracy
OriginalEnglisch
1940er
1941
Antoine-Elisée Cherbuliez et la propriété privée (1797-1869)
OriginalFranzösisch
La carrière parlementaire de trois économistes genevois (Sismondi, Rossi, Cherbuliez)
OriginalFranzösisch
ARTIKEL · 13 VERZEICHNET

Aufsätze, Rezensionen, Vorträge

1910er
1913
Karl Marx and Labor Legislation
OriginalEnglisch
1917
Albert Gallatin, citoyen de Genève, ministre des Etats-Unis
OriginalFranzösisch
1930er
1930
The Beginnings of International Government
OriginalEnglisch
1933
Nationalism and the League of Nations Today
OriginalEnglisch
1938
Qu'est-ce que la Société des Nations?
OriginalFranzösisch
1940er
1941
Pennsylvania and Switzerland: The American Origins of the Swiss Constitution
OriginalEnglisch
Un projet volontairement oublié de réforme du Pacte de 1815 (1830)
OriginalFranzösisch
1943
La conversion de Sismondi (du libéralisme le plus intransigeant à l'interventionnisme le moins respectueux des lois du marché)
OriginalFranzösisch
1946
The United Nations as Viewed from Geneva
OriginalEnglisch
1948
Du déséquilibre intercontinental, à propos du plan Marshall
OriginalFranzösisch
APA
Chicago
Deutsche historische Zitierweise