FOLIO I · DENKER · GEN. 02 · N° 060

Emil Lederer

Werke
34
Artikel
385
Generation
2.
Porträt von Emil Lederer
FOL. 02 · N° 060 · Emil Lederer
BIOGRAPHIE

Leben und Werk

Lederer wuchs als Sohn des Kaufmanns Philipp Lederer und der Sophie Schwarzkopf in Pilsen auf und ging 1901 zum Studium nach Wien. Dort hörte er Jurisprudenz und Nationalökonomie bei Eugen von Philippovich, Eugen von Böhm-Bawerk, Friedrich von Wieser und Carl Menger; im Sommersemester 1903 wechselte er kurzzeitig nach Berlin zu Gustav Schmoller. Promotion zum Dr. iur. 1905 in Wien, zweite Promotion zum Dr. rer. pol. 1911 in München bei Lujo Brentano mit einer Arbeit zur Pensionsversicherung der Privatangestellten. Die Habilitation 1912 in Heidelberg mit „Die Privatangestellten in der modernen Wirtschaftsentwicklung“ begründete sein Profil als Theoretiker der „neuen Mittelklasse“: die erste umfassende empirisch-soziologische Untersuchung der Arbeits- und politischen Bewusstseinslage des Angestelltenstandes. Parallel war Lederer ab 1910 Redaktionssekretär, ab 1918 Mitschriftleiter und von 1921 bis 1933 gemeinsam mit Joseph Schumpeter und Alfred Weber Mitherausgeber des „Archivs für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik“, der wichtigsten deutschsprachigen sozialwissenschaftlichen Zeitschrift jener Jahre. 1918 wurde er ausserordentlicher, 1922 ordentlicher Professor in Heidelberg, 1923 bis 1925 Austauschprofessor an der Kaiserlichen Universität Tokio. Von 1923 bis 1931 leitete er mit Alfred Weber das Heidelberger Institut für Sozial- und Staatswissenschaften; Karl Mannheim habilitierte sich dort 1926 unter Lederers und Webers Betreuung. Als Werner Sombarts Nachfolger auf dem Berliner Lehrstuhl für Staatswissenschaften (1931) gehörte Lederer zu den profiliertesten akademischen Sozialdemokraten der Weimarer Republik. Schumpeter nannte ihn den „leading academic socialist of Germany in the 1920's“. Im April 1933 vom NS-Regime suspendiert, emigrierte er über Paris und London nach New York und gründete dort gemeinsam mit Alvin Johnson die „University in Exile“ an der New School for Social Research, deren erster Dekan er bis zu seinem plötzlichen Tod nach einer Operation 1939 blieb. Sein konjunkturtheoretisches Hauptwerk „Konjunktur und Krisen“ (1925) entwickelte eine Disproportionalitätstheorie in Anlehnung an Tugan-Baranowsky; sein posthum erschienenes „State of the Masses“ (1940) gilt als frühe Analyse totalitärer Massenpolitik.
Metadaten
22. Juli 1882
29. Mai 1939
2. Generation
Lebensstationen

Stationen

  1. ⁦1901–1905⁩
    ⁦1901–1905⁩
    Jus und Nationalökonomie, Universität Wien

    Studium bei Philippovich, Böhm-Bawerk, Wieser und Menger; Kommilitonen u. a. Mises, Schumpeter, Hilferding und Bauer.

  2. 1903
    1903
    Sommersemester bei Gustav Schmoller

    Kurzes Auslandssemester an der Berliner Universität in der Tradition der Jüngeren Historischen Schule.

  3. 1905
    1905
    Promotion Dr. iur., Universität Wien

    Erste Promotion in Rechtswissenschaften an der Universität Wien.

  4. ⁦1910–1933⁩
    ⁦1910–1933⁩
    Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik

    Ab 1910 Redaktionssekretär, ab 1918 Schriftleiter, 1921–1933 Mitherausgeber gemeinsam mit Joseph Schumpeter und Alfred Weber.

  5. 1911
    1911
    Promotion Dr. rer. pol. bei Lujo Brentano

    Zweite Promotion an der Universität München mit einer Arbeit zur Pensionsversicherung der Privatangestellten.

  6. 1912
    1912
    Habilitation Universität Heidelberg

    Habilitation mit „Die Privatangestellten in der modernen Wirtschaftsentwicklung“, dem ersten umfassenden Standardwerk zur Angestelltensoziologie.

  7. ⁦1918–1922⁩
    ⁦1918–1922⁩
    Ausserordentlicher Professor für Nationalökonomie

    Ruf auf eine Extraordinariatsstelle an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg.

  8. ⁦1919–1921⁩
    ⁦1919–1921⁩
    Mitglied der Sozialisierungskommissionen

    1919 Leiter der volkswirtschaftlichen Abteilung in der österreichischen Staatskommission zur Sozialisierung, 1920/21 Mitglied der Sozialisierungskommission in Deutschland.

  9. ⁦1922–1931⁩
    ⁦1922–1931⁩
    Ordinarius für Sozialpolitik, Universität Heidelberg

    Lehrstuhl für Sozialpolitik; ab 1923 mit Alfred Weber Direktor des Instituts für Sozial- und Staatswissenschaften.

  10. ⁦1923–1925⁩
    ⁦1923–1925⁩
    Austauschprofessor, Kaiserliche Universität Tokio

    Zweijährige Gastprofessur an der Tokyo Imperial University mit angegliederten Reisen nach China.

  11. ⁦1931–1933⁩
    ⁦1931–1933⁩
    Ordinarius Staatswissenschaften, Friedrich-Wilhelms-Universität

    Nachfolge Werner Sombarts auf dem Berliner Lehrstuhl für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft; im April 1933 vom NS-Regime suspendiert.

  12. 1933
    1933
    Emigration über Paris und London

    Flucht nach New York und Mitgründung der „University in Exile“ an der New School for Social Research gemeinsam mit Alvin Johnson.

  13. ⁦1933–1939⁩
    ⁦1933–1939⁩
    Erster Dekan der University in Exile, New School

    Aufbau und Leitung der Graduate Faculty of Political and Social Science an der New School for Social Research bis zum Tod.

  14. 1939
    1939
    Tod nach Operation

    Lederer starb am 29. Mai 1939 unerwartet im Nachgang einer Operation.

Beziehungen

Beeinflussungen

Beeinflusst von · 16
  1. ⁦1901–1905⁩
    ⁦1901–1905⁩

    Lederer hörte Böhm-Bawerks Vorlesungen und nahm an dessen Seminar in Wien teil – prägende Begegnung mit der Wiener Grenznutzenschule.

  2. ⁦1901–1903⁩
    ⁦1901–1903⁩

    Menger gehörte zu Lederers Wiener Lehrern in den letzten Jahren seines aktiven Lehrbetriebs vor der Emeritierung.

  3. ⁦1901–1905⁩
    ⁦1901–1905⁩

    Wieser zählte neben Böhm-Bawerk zu Lederers prägenden Wiener Hochschullehrern in Nationalökonomie.[1]

  4. ⁦1901–1905⁩
    ⁦1901–1905⁩

    Philippovich, Sozialpolitiker und Brücke zwischen Wiener Schule und Sozialreform, war einer der wichtigsten Wiener Lehrer Lederers.[1]

  5. ⁦1901–1921⁩
    ⁦1901–1921⁩
    Rudolf Hilferding⁦(1877–1941)⁩ · Austromarxismus

    Studienkollege in Wien, später gemeinsam mit Schumpeter und Lederer Mitglied der deutschen Sozialisierungskommission 1919.[1]

  6. ⁦1901–1905⁩
    ⁦1901–1905⁩
    Otto Bauer⁦(1881–1938)⁩ · Austromarxismus

    Wiener Studienkollege im austromarxistischen Umfeld; Lederer behielt zeitlebens enge intellektuelle Verbindung zu den Austromarxisten.[3]

  7. ⁦1909–1911⁩
    ⁦1909–1911⁩
    Lujo Brentano

    Brentano betreute Lederers zweite Promotion zum Dr. rer. pol. in München 1911 mit der Arbeit zur Pensionsversicherung der Privatangestellten.

  8. ⁦1912–1933⁩
    ⁦1912–1933⁩
    Alfred Weber

    Heidelberger Lehrstuhlkollege und Co-Direktor des Instituts für Sozial- und Staatswissenschaften (1923–1931); Mitherausgeber des „Archivs für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik“.

  9. ⁦1912–1920⁩
    ⁦1912–1920⁩
    Max Weber⁦(1864–1920)⁩ · Heidelberger Schule

    Mitglied des Heidelberger Max-Weber-Kreises; intellektuelle Auseinandersetzung mit Weber bei gleichzeitiger politischer Opposition als demokratischer Sozialist.

  10. ⁦1912–1933⁩
    ⁦1912–1933⁩
    Otto Neurath⁦(1882–1945)⁩ · Wiener Kreis

    Beide Mitglieder des Heidelberger Max-Weber-Kreises; intellektuelle Verbindung zwischen Wiener Logischem Empirismus und Heidelberger Soziologie.

  11. ⁦1921–1939⁩
    ⁦1921–1939⁩
    Albert Salomon

    Heidelberger Promovend Lederers; später Gründungsmitglied der University in Exile an der New School.[5]

  12. ⁦1922–1933⁩
    ⁦1922–1933⁩
    Werner Sombart⁦(1863–1941)⁩ · Jüngere Historische Schule

    Lederer trat 1931 die Nachfolge Sombarts auf dem Berliner Lehrstuhl für Staatswissenschaften an.

  13. ⁦1924–1926⁩
    ⁦1924–1926⁩
    Karl Mannheim

    Mannheim arbeitete ab 1924 in Heidelberg unter Alfred Weber und Emil Lederer und habilitierte sich dort 1926 in Soziologie.[2]

  14. ⁦1928–1939⁩
    ⁦1928–1939⁩
    Hans Speier

    Speier promovierte bei Lederer in Heidelberg und folgte ihm als Gründungsmitglied an die University in Exile in New York.[4]

  15. ⁦1933–1939⁩
    ⁦1933–1939⁩
    Arthur Feiler

    Ökonom und Gründungsmitglied der University in Exile 1933 unter Lederers Dekanat.

  16. ⁦1933–1939⁩
    ⁦1933–1939⁩
    Alvin Johnson

    Johnson, Präsident der New School for Social Research, holte Lederer 1933 als ersten Dekan der University in Exile nach New York.

Emil Lederer im Kontext der gesamten Schule: fünf Generationen, ihre Lehrer-Schüler-Linien, Zirkel und Kollegenschaften.

QUELLEN ZU STATIONEN UND BEZIEHUNGEN10 Belege · 3 Quellen
WERKVERZEICHNIS · CHRONOLOGISCH

Die Bücher

1910er
1911
Die Pensionsversicherung der Privatangestellten
OriginalDeutsch
1912
Die Privatangestellten in der modernen Wirtschaftsentwicklung
OriginalDeutsch
Weitere Ausgaben
  • The Problem of the Modern Salaried Employee: Its Theoretical and Statistical Basis1937
    OriginalEnglisch
Die wirtschaftlichen Organisationen und die Reichstagswahlen
OriginalDeutsch
Theoretische und statistische Grundlagen zur Beurteilung der modernen Angestelltenfrage
OriginalDeutsch
1913
Die wirtschaftlichen Organisationen
OriginalDeutsch
Weitere Ausgaben
  • Die sozialen Organisationen1922
    OriginalDeutsch
Jahrbuch der sozialen Bewegung in Deutschland und Österreich 1912
OriginalDeutsch
1914
Die Entwicklungstendenzen in den Organisationen der Angestellten
OriginalDeutsch
Jahrbuch der sozialen Bewegung in Deutschland und Österreich 1913
OriginalDeutsch
1917
Die volkswirtschaftlichen Seminare an den Hochschulen Deutschlands und Österreich-Ungarns: Berichte über ihre Tätigkeit
OriginalDeutsch
1918
Einige Gedanken zur Soziologie der Revolutionen
OriginalDeutsch
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Aufsätze, Rezensionen, Vorträge

1900er
1906
Beiträge zur Kritik des Marxschen Systems
OriginalDeutsch
Rezension: Untersuchung der Wohnungen der minder bemittelten Klassen in Bremen. Im Auftrage der Deputation wegen Wohnungsinspektion veranstaltet im April 1904 und bearbeitet vom Bremischen statistischen Amte, Bremen 1905
OriginalDeutsch
1907
Bodenspekulation und Wohnungsfrage
OriginalDeutsch
1908
Die Unternehmungsformen im Baugewerbe
OriginalDeutsch
1909
Die österreichische Sozialversicherungsvorlage
OriginalDeutsch
Ein Vorschlag zur Reform der Gebäudesteuer
OriginalDeutsch
1910er
1910
Arbeitslosenversicherung im Kanton Genf
OriginalDeutsch
Das Problem des Arbeitsnachweises in Deutschland
OriginalDeutsch
Die Bewegung der öffentlichen Beamten
OriginalDeutsch
Die Gewerkschaftsbewegung im Jahre 1909
OriginalDeutsch
APA
Chicago
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