Swiss Mises Institute

Samstag, 19. März 2011 von Patrik B. Vonlanthen zu Politik

Zweifel

...und Zweifel ist gut, das sollte nie vergessen werden!


Zweifel

Zweifel wird oftmals – nicht immer und nicht von allen – als eher etwas Schlechtes angesehen. Wer Zweifel hat, dem fehlt das notwendige Entscheidungs- und Durchsetzungsvermögen, der fokussiert nicht richtig, ist unschlüssig, hat also schlichtweg den richtigen Schlüssel nicht gefunden. Obwohl dies sicherlich zu stark vereinfacht ist und auch Zweifel ja nicht permanent im Vordergrund des Zweiflers (aka Mr Doubt) stehen können, so wird dieser durchaus gesunden Grundeigenschaft des Menschen von der Gemeinschaft viele Bedenken entgegen gehalten. Zweifel muss, wenn auch rein als Tatsache akzeptiert und notwendigerweise toleriert, doch letztlich als Erzfeind jeder Überzeugung, jedes Glaubens, jeder vermeintlichen Sicherheit angesehen werden.

Der Philosoph Descartes sah aber im Zweifel geradezu ein Kennzeichen des denkenden Menschen:

"Was bin ich? Ein denkendes Wesen. Was ist das? Ein Wesen, welches zweifelt, einsieht, bejaht, verneint, will, nicht will, auch einbildet und empfindet."

Warum ist nun Zweifel Gegenstand dieses Beitrags? Weil Zweifel den Weg bereiten kann für den essentiell wichtigen, grundsätzlichen Dialog um das Zusammenleben in einer globalen Gemeinschaft. Bestehendes muss immer, überall und von jedem ohne Angst auf Repressalien hinterfragt werden können. Wie kommen wir zu einer solideren Grundlage für eine friedvollere Form des Zusammenlebens? Wie verhindern wir, dass jedwede Zwänge und Aggressionen auf Individuen ausgeübt werden? Wie nehmen wir als Gemeinschaft den heutigen Staaten und Institutionen die Macht, parteiische Interventionen vorzunehmen, auf Individuen wie andere Staatengebilde? Zu diesen Fragestellungen können wir einzig vom Menschen selbst – also von uns – ausgehen, nicht mehr und nicht weniger...denn niemand kann alle Interessen einer beliebigen Anzahl Menschen gerecht, also vollumfänglich, vertreten. Ein Weltbild besitzt wohl immer Aspekte, welche Zweifel hervorrufen (hier der Libertarismus, ohne dass dem Begriff zwingende Bedeutung beigemessen wird – die das aber wollen, können sich bei den Bleeding Heart Libertarians versuchen). Gewisse Zweifel sollen in diesem Artikel beleuchtet werden; so wie sie manchmal in Diskussionen hochkommen. Dabei wird weder eine wissenschaftlicher Abhandlung, noch Anspruch auf Vollständigkeit angestrebt.

Es sollen Ansichten zu Anarchie (Gemeinschaft gänzlich ohne Staat, d.i. frei von jeglichem Zwangsapparat bzw. -monopol), freien Menschen, freien Märkten, freiem Geld (sound money), freiem Unternehmertum sowie privaten Eigentumsrechten ohne Befürwortung geistiger Eigentumsrechte geäussert werden. Einige Themen rufen wohl bereits bei Erwähnung in nicht wenigen Zeitgenossen Vorurteile und leider meist auch ablehnende Gefühle hervor. Diesen Stichworten sollen nun Betrachtungsweisen eingeräumt werden, die mit unerwarteten Licht- und Schattenspiel aufwarten und damit vielleicht Bilder werfen, die neuen Gefallen und Verständnis auslöst. Es sind Standpunkte, die nicht nur Denkanstösse provozieren sollen, sondern für welche auch nur der freie Lauf der Dinge eine ehrliche Antwort zum massiven Verbesserungspotenzials des Status Quo liefern kann. Das Unbekannte & Undenkbare führt aber bekanntermassen zu Unsicherheiten, Zweifeln und Ängsten, die man aber hier bequem dem präsentiertem Weltbild anlasten kann, und somit keine Gefahr läuft, bald einer Minderheit angehören zu müssen. Jedoch führt dies immer auch zur Stärkung des heute Bekannten, und je nach Land oder politischer Aktualität gar zur Verdrängung der nötigen, grundsätzlichen Auseinandersetzung mit vorherrschenden Problemstellungen und Missständen – und würde an der eigenen „comfort zone“ drücken, welche durch diese Sehnsucht nach inexistenten Sicherheiten genährt wird, die nichts und niemand in dieser Welt bieten kann. Unverständlicherweise wird von vielen für diese einseitige, temporäre Sicherheit auch stillschweigend die Bevormundung und damit auch Benachteiligung vieler Mitmenschen in Kauf genommen...vergangene Verbrechen aber lasten lange und ungemütlich auf Generationen einer Gemeinschaft. Solange aber Ungerechtigkeiten eigene Vorteile aufrecht erhalten, ist nur der Aufstand der erwachten und betroffenen Gemeinschaft fähig, diese Situation nachhaltig zum Wohle aller ändern zu können.

Anarchie

Eine Gesellschaft, die keinen Zwang auf Menschen in einem fest umrissenen „Hoheitsgebiet“ ausübt, ist nicht nur denkbar, sondern wirklich auch erlebbar! Das wird als Anarchie bezeichnet, was bereits bei vielen reines Schaudern auslöst. Kein Wunder aber, denn wenn nicht hier staatliche Propaganda greifen würde, die ja jenem System nur Chaos, Gewalt und Ungerechtigkeit attestieren mag, wenn nicht da, wo dann? Nun, eben auch bei einem gänzlich unreguliertem, wirklich freien Markt wie auch bei „freiem“, sprich unkontrolliertem, Geld – auch dazu wurden Meinungen vorgebildet. Doch damit die Gesellschaft funktioniert, braucht es tatsächlich weder ein Gewalt-, noch Rechtsmonopol; auch keine Steuern, die genauso provokativ, wie sie mit ihrer Selbstverständlichkeit daherkommen, auch einfach Diebstahl genannt werden können. Denn wer steuert wen, und was, wofür und mit welchem Einverständnis, und wohin genau? Weiter braucht es sicher keine aggressive Kriegsmaschinerie (nein, es gibt auch keine friedlichen Armeen), um in pseudo-sozialer Manier ein Land verschiedenster Eigentümer durch alle verteidigen zu lassen. Sehen diese ihr Land wirklich in Gefahr, würden Mauern und Stacheldraht dieses bewehren, unter Strom gesetzt, oder halt schwere Geschütze erworben – je nach Ein- und Wertschätzung des jeweiligen Grundstücks und dies auch ohne Kriegsandrohung. Eigentum ist nicht nur toll, sondern bringt Verantwortung und damit auch Sorgen mit sich. Eigentum hat auch diese intrinsische Eigenschaft des Mangels und ist deswegen schon seit Urzeiten umworben worden; und damit immer schon mit Konfliktpotential in unseren interpersonellen Beziehungen belegt gewesen. Seit Kindesbeinen an: sie hat und ich nicht. Auch der Bail-Out gewisser Banken in der Finanzkrise 2008 rückt den üblichen Gesellschaftsvertrag in ein schiefes Licht, selbst wenn systemkritische Gründe geltend gemacht wurden. Was ist denn das für ein System wo Gewinn privatisiert und Verluste sozialisiert werden können? Mr Doubt befürchtet nun dennoch, dass in einer anarchistischen Welt wieder das von der Bibel beschworene Bild: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ herrschen würde. Ganz abgesehen davon, dass heute eine nicht unerhebliche Zahl der Weltbevölkerung bereits gehorsam diesem Buch verschrieben ist: Was ist im aktuellen System so verschieden davon? Dass für ein Auge auf schwere Körperverletzung und Wegsperrung für eine bestimmte Zeit geklagt wird? Sicherlich ist auch dies immer noch meilenweit davon entfernt, dass wir einfach unser anderes Auge nehmen lassen, wie dies sinngemäss als Forderung einer Religion verstanden werden kann (oder ging es nur um Backen?). Wenn, dann ist dies doch meist alles reines Lippenbekenntnis. Aggressionen wollen Menschen bestraft sehen.

Was also sind nun Rechte, und die resultierenden Pflichten und Regeln in einer anarchistischen Gemeinschaft? „Können denn in einer zwangsfreien Gesellschaft Regeln sich überhaupt behaupten, sprich legitimieren?“, fragt Mr Doubt. Wohl eher nicht, wenn sie im Konflikt mit dem natürlichen Gesetz stehen, welches wirkt und es zu verstehen gilt. Rechte können immer auf Eigentumsrechte zurückgeführt werden. erläutert Rothbard mitunter in seinem Werk „Ethics of Liberty“. Und das Eigentumsrecht an uns selbst muss in einer freien Gesellschaft immer und überall durchsetzbar sein. Einher geht aber damit auch Eigentumsrecht auf vormals unbenutzte, freie Ressourcen, die der Einzelne sich aneignete und transformierte oder auch auf all seine erworbenen Güter. Kurz, die libertäre Gesellschaft umverteilt nie Eigentumsrechte, weder beim Menschen noch bei Sachgütern, sondern sieht eben darin natürliches Gesetz, das niemand in irgendeiner Form verletzen darf, also keinerlei Aggression bzw. Invasion gegenüber beliebiges Eigentum ausgeübt werden darf. Falls damit gebrochen wird, dann auf Kosten seines eigenen uneingeschränkten, diesbezüglichen Rechts. Absolute Freiheit - im sozialen Kontext – kann nach diesem Gesetz aber in einer Gemeinschaft wirklich genossen werden. Diese gilt es auch keiner wahren Zivilisation zu opfern, in der Vorteile des freiwilligem Tausches von Gütern und Leistungen hoch gehalten wird, wie sie eben in freien Märkten abläuft, die das natürliche Recht nicht nur vollständig anerkennen, sondern voraussetzen.

Oder denkt Mr Doubt, dass noch andere Werte verteidigt werden müssen? Etwa den „richtigen“ Schweizer, wie dies heutzutage Exponenten in jenem Land von Neuem frech proklamieren? Da wird mit eindimensionalen Werten und Idealen gespielt, als hätte dieser Unfug nicht genug in der Menschheitsgeschichte angerichtet. Wer in der heutigen Zeit noch mit Nationalidentitäten Massen manipuliert oder Legitimierungen unlauterer Mittel (wie in den USA beispielsweise waterboarding) oder auch Ziele davon ableitet, den gilt es aufs Schärfste zurechtzuweisen. Ja, man muss konsternieren, dass alle Nationen diesem Unsinn verfallen sind, was genau den inhärenten Systemfehler der Nationalstaaten aufzeigt. Sie funktionieren schlichtweg nicht zweckmässig für eine prosperierende, global-vernetzte und -tauschende Menschheit mit Anspruch auf friedvollem Zusammenleben, sondern beschwören regelrecht Handelskriege, Machtspiele, Diktaturen, Grenz- und Landkonflikte, Währungskonflikte, Zwangsregelungen und den ganzen Rest herauf. Der revolutionäre Gedanke von natürlichem Gesetz & Recht basiert darauf, dass er rein vom Individuum ausgeht und primär nicht das Individuum per se einem wohlwollendem und tugendhaft handelndem Staat unterordnet. Der Mensch wird wieder ins Zentrum gerückt und ist in erster Instanz die handelnde, denkende, fühlende, wählende Einheit, die es zu beachten gibt, um die gesunde Grundlage für das harmonische Zusammenleben zu bilden.

Freie Menschen, freier Markt, freies Geld, freies Unternehmertum

„Der Zwang ist ein Versuch zur Kompensation des Zweifels.", wusste Sigmund Freud. Wenn man seine Erkenntnis nun auf unsere mit Zwängen durchsetzte Welt anwendet, stellt man breiten Zweifel wohl nicht am erdachten Gemeinschaftsentwurf, sondern in der heute real-existierenden Gesellschaftsform fest. Dass man aber so sehr zweifelt an der Rechtmässigkeit des heutigen Systems, dass es alleine durch verschiedenste Zwänge aufrecht erhalten werden kann, sollte alleine bereits zum Nachdenken anregen. Menschen wird vorgeschrieben wie sie zu leben haben (Rauchverbote, Alkoholbesteuerungen, Drogenpolitik, vorgegebenen Öffnungszeiten), Märkte werden oftmals mit Spitzfindigkeiten reguliert, um sie scheinbar optimaler zu gestalten und funktionstüchtiger zu machen (Importregulierungen, Quotas, Zinspolitik, Zölle, Steuern), Geld wird mit künstlichen Zinsraten und durch Produktion „beliebiger“ Mengen out-of-thin-air, ohne wirklichen Gegenwert, manipuliert, und Unternehmen stehen am Pranger, weil viele sie nur als gierig und schädlich für die Umwelt ansehen. Zuallererst aber produzieren Unternehmen, diese Gemeinschaft von Individuen mit höchst spezifischer Arbeitsteilung, was bestimmte Bevölkerungsgruppen erstehen wollen, sprich widerspiegeln einen Teil der Gesellschaft wie diese nun einfach ist und das dem Unternehmen unzweifelhaft mit jedem Kauf des Produktes auch bestätigen.

Wird da also einfach masslos übertrieben, wenn obige Betrachtung eine an Zwang reiche Welt malt? Sind diese Vorgaben nicht einfach über einen längeren Zeitraum quasi evolviert, als Tradition etabliert worden? „Der Pflicht des Schweizerischen Militärdienstes steht heutzutage doch auch die Wahl des Zivildienstes gegenüber,“ und Mr Doubt fährt fort: „und es ist doch gar nicht schlecht, dem Staat auch einmal zu dienen, oder? Damit fördert man auch das Gemeinschafts- und Zusammengehörigkeitsgefühl der Schweizer Nation. Steuern?, davon profitiert doch zu einem gewissen Masse jeder. Aber vor allem irre ist, wenn ernsthaft gegen das Gewalt- und Rechtsmonopol argumentiert wird. Wie soll denn das ohne zentraler, hierarchischer Struktur gerecht funktionieren? Pures Chaos; diese Ansätze sind doch nicht durchdacht...aber gegen Monopole zu sein ist grundsätzlich schon gut, aber doch nicht hier! Punkt. Von mir aus weniger, aber sicher doch nicht einfach den Staat abschaffen.“. Hier muss man radikal festhalten, dass in einer Gesellschaft, die zuerst den Gemeinschaftsdienst als dringlichste Pflicht sieht, Eigentum an einem selbst – das in erster Linie von den Meisten wohl oben noch klar bejaht wurde – in inakzeptabler Form tangiert wird, sprich, Kompromisse entstehen, die direkt die wirklich freie Gesellschaft schädlich berühren. Man muss vorsichtig sein, welche Zugeständnisse bei der individuellen Freiheit gemacht werden. Denn diese werden in Krisensituationen in Automatismen ablaufen und lassen sich dann, immer für das Wohl der Gemeinschaft, nicht mehr verhindern. Es gilt wahrlich sich den Ansätzen dieser Freiheitsberaubung zu verwehren. Was aber gewisse Leute für sich davon beibehalten möchten, soll auch künftig möglich sein, aber niemals dadurch, dass es allen pauschal aufgezwungen wird!

Zwang bleibt also Zwang. Andere fühlen sich dann intelligent, indem sie die freie Gesellschaft ad absurdum führen, mit Aussagen wie, dass diese Gemeinschaft auch nicht „wirklich“ (zwangs-)frei ist, da nicht jeder Mensch frei ist, darin auch all seine Sichten durchzusetzen. Diese Argumentation steht verwirrt den Begriffen Freiheit und Machtausübung (Power) gegenüber, wie dies wiederum Rothbard auf den Punkt brachte. In einer freien Gesellschaft ist es keinem Mensch erlaubt gegenüber dem Eigentum eines Mitmenschen invasiv vorzugehen. Der freie Mensch hat also Einschränkungen bei seinen Handlungen zu dulden. Das kann nicht als Einschränkung seiner Freiheit gesehen werden, gerade wenn Freiheit als solche als die Abwesenheit von Aggressionen gegenüber jeglichem Eigentums Dritter definiert ist.

Wer Freiheit aber mit vermeintlicher Sicherheit durch Zugehörigkeit verwechselt; oder trügerische Gewissheit durch Selbst-Identifikation und Selbst-Verständnis in Phantasiegebilden der Nationen findet, soll wieder einmal durch Benjamin Franklin ermahnt werden: „Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren:“.

Privates Eigentum, aber kein Geistiges

Rund um das Thema Privateigentum kommen immer wieder auch berechtigte Fragen hoch, wie dann die Verteilung des Landes gerecht bleiben kann, wenn zahlungskräftige Firmen oder Individuen theoretisch alles Land aufkaufen (könnten). Schliesslich bliebe ja nichts mehr übrig, bis auf den eigenen Körper. Dieser wird bei Diskussionen hinsichtlich der Rechtmässigkeit von Privateigentum zuerst meist auch nicht in Frage gestellt, aber bei gänzlich privatem (und damit verteiltem) Eigentum aber automatisch in den Fokus gerückt werden muss. Da in dieser Welt bereits alles irgendwie besessen wird, sei es von Privaten oder der öffentlichen Hand, belassen wir den Disput über Sinn und Unsinn einer Welt mit reinem Privateigentum für einen anderen Artikel und widmen uns hier dem vielfach brisanteren, noch heftiger umstrittenen Thema, dass IPRs (Intellectual Property Rights, geistige Eigentumsrechte) nicht vertret- und vereinbar sind mit einer freien Welt.

Stephan Kinsella ist bei Untersuchungen auf diesem Gebiet zweifelsohne eine unerlässliche Quelle gerade mit seiner Standardschrift „Against Intellectual Property“, setzt man sich ernsthaft mit diesem Gebiet auseinander. Bedenkt man aber, wie eindringlich Libertärer auf die Notwendigkeit von Eigentumsrechten pochen, ist nun auch nicht weiter verwunderlich, dass bei IPRs ganz unterschiedliche Ansichten vorherrschen. Mr Doubt meint dazu nur: „Wann ist (oder soll...sein) man in dieser Welt schon einmal einer Meinung?“. Hier gleich die Radikalposition um den gesunden Zweifel von Mr Doubt zu aktivieren! Alle IPRs sind inakzeptabel, da konkret erworbene Eigentumsrechte nicht vollständig ausgeübt werden können. Voraussetzung dazu ist, dass Eigentumsrechte auch mit dem exklusiven Recht, Kontrolle über ein knappes Gut auszuüben, verstanden und gleichgesetzt wird.

Gefühlsmässig wird argumentiert, dass Musiker oder Schriftsteller, Pharmakonzerne oder Coca Cola (nein, falsch, Coke wurde nie patentiert, denn der beste Schutz für Geheimnisse war noch immer: es nicht weiter zu erzählen) keinen Anreiz haben, kreativ und innovativ zu sein, wenn ihre Arbeiten nicht durch Urheberrechte geschützt würden. Mit Kopierschutz für Ideen herrscht sodann weiterhin genug Anreiz auch kreativ zu sein. Warum gerade hier die Erstellung und Verteidigung eines Monopols sozial und der Gesellschaft insgesamt dienlicher sein sollte, ruft unweigerlich Mr Doubt hervor. Wenn man dann noch bedenkt, welche Kosten heutzutage für das Patentwesen aufgewendet werden, dann erscheint gerade kleineren Firmen, dass sie absichtlich von Märkten ausgeschlossen werden – oder als David dem Goliath schlichtweg machtlos gegenüber stehen. Weiter steht da aber auch der unbefriedigenden Sachverhalt, dass Eigentumsrechte verwässert werden (denn wer eine CD kauft, ersteht nicht das exklusive Recht volle Kontrolle darüber auszuüben), was zu einem Erklärungsnotstand führt, da faktisch eine Umverteilung von Eigentum forciert wird. Aber vor allem gilt es die Kosten-/Nutzen-Analyse für die gesamte Gesellschaft zu berücksichtigen, so wie beispielsweise durch geschützten, aber höchst wirksame Medikamenten, jedes Jahr unzählige Menschenleben verloren werden, lässt Patente asozial erscheinen. Weiter sind auch Eigentumsrechte auf genetisch-modifizierten Organismen GMO, oder auch dem menschlichen Genom von höchst dubioser Natur und die Zulassung von Patentierungen sicherlich nur von gewissen Unternehmen begrüsst worden, da ohne solch eine weltweit organisierte Enteignung primär die Gunst der Konsumenten mit tiefsten Preisen oder verbesserten Produkten erworben werden müssten, und nicht jene des Patentbüros durch schnellstmögliche, und daher auch gefährliche, Experimente, um eben als erste Firma den langjährigen Patentschutz für irgendwelche GMO zu erhalten. Gen-Mutationen sind ein Faktum natürlicher Evolution, und der Code ist auch „nur“ Idee; die Information, das Wissen, noch nicht das schützenswerte, knappe Gut, welches nur die eigentliche, nutzbare Materie darstellt. Wissen, also Information, kann beinahe kostenlos unendlich kopiert werden und gehört damit nicht zu den knappen Gütern, worum normalerweise Auseinandersetzungen entbrennen. So ist die Vision, dass man mit einem uns heute noch unbekannten Stoff auf ganz bestimmte Weise das Energieproblem vollständig umweltverträglich und für die gesamte Menschheit lösen könnte, lässt die konkrete, resultierende Idee doch nicht schützenswert werden. Es kann doch nicht im Sinne der Gesellschaft sein, dass ein paar Privilegierte, die ganze nach-Öl Gesellschaft unterjochen? Können wir jetzt anhand von diesem, durchaus möglichen Fall Diskussionen grundlegender, weltlicher Gesetzmässigkeiten wie um das persönliche Eigentum und dessen Bedeutung tiefgründiger lostreten?

„Doch wenn jemand was komponiert, sollte die Künstlerin nicht dafür entgolten werden? Warum nicht ein sowohl-als-auch?“ führt Mr Doubt, begründet durch den vermeintlichen Härtefall am Musiker, ins Feld und fährt weiter: „Wie kann sie ihr Überleben mit dem kostspielig produzierten Material sichern? Sie hat die Musik doch „kreiert“ und kann sich auf das natürliche Recht des Eigentums berufen!“ Wirklich? Eigentum kann im ökonomischen Sinn nur über ein knappes Gut verfügt werden. Es muss im wahrsten Sinne des Wortes „berührbar“ sein, denn nur dort tritt die ewige Knappheit und damit das Gerangel dieser Welt zu Tage, und braucht damit notwendigerweise Eigentum zu werden. Geistiges Wissen dagegen, also alle immateriellen Güter, sind nicht knapp und sollten niemandem vorenthalten werden. Der eigentliche Konflikt entsteht auch über dem unterschiedlichen Verständnis wann Eigentumsrechte Übertragen werden. Bei Kauf, Aneignung einer zuvor ungenutzten Ressource und bei Schenkung. Die Idee an und für sich kann nicht als der entscheidende Faktor zum Eigentum angesehen werden. Und so ist die Künstlerin weiterhin genötigt, live zu singen, zu unterrichten, von den paar Käufern zu leben, die Wert auf die Original-CD bzw. den authentischen Daten legen – oder Ihre Musik über neue Technologien zu vertreiben, die Kopien schlichtweg unmöglich machen. Doch Massenwirkung als Künstler zu erzielen scheint wichtig, Einladungen aus aller Welt zu erhalten um das knappe Gut, das man selbst darstellt, optimal einzusetzen. Ob für diese Publizität der Kopierschutz die Geheimwaffe ist, sei einmal dahingestellt.

Ob gut oder schlecht, wer weiss, wer weiss

Zweifel sind immer angebracht, denn ob gut oder schlecht, wer weiss, wer weiss. Dieser Spruch hat der Autor von Asien mitgenommen. Denn da war dieser alte Chinese mit seinem jungen Sohn irgendwann und irgendwo in China. Und die Geschichte ging wie folgt: Eines Tages liefen dem Hofe des alten Chinesen freie Pferde zu, und so kamen die Bewohner der umliegenden Höfe und staunten ob diesem scheinbaren Glück des alten Mannes und sagten: „Welch Glück Dir widerfahren ist, Du bist nun reich!“, der alte Mann erwiderte aber nur: „Ob gut oder schlecht, wer weiss, wer weiss...“. Und mit diesen vielen Pferden wusste sein Sohn was zu tun und ritt Sie um sie gefügig zu machen. Eines Tages fiel er schwer und brach sich sein Bein. Wieder waren die Bewohner der umliegenden Höfe zur Stelle um dieses Pech des alten Chinesen zu lamentieren: „Welch Unglück Dir widerfahren ist, Dein einziger Sohn bricht sich das Bein und kann Dir bei all Deinen beschwerlichen Arbeiten nicht helfen, welch Unglück!“, doch der Alte liess von sich hören: „Ob gut oder schlecht, wer weiss, wer weiss...“. Bald darauf brach Krieg aus, und der chinesische Kaiser zwang junge Männer in seine Armee. Im ganzen Hoheitsgebiet wurden alle gesunden, jungen Männer eingezogen, wie auch in jenem Gebiete, in welchem der alte Chinese mit seinem jungem Sohn lebte. Sein Sohn litt immer noch am nicht geheilten Beinbruch und wurde nicht eingezogen. Wieder kamen die Bewohner der umliegenden Gebiete zum alten Chinesen und bemerkten: „Welch Glück Dir widerfahren ist, Dein Sohn wird nicht der Lebensgefahr des Krieges ausgesetzt, wie glücklich Du sein musst!“, und wieder erwiderte der Alte: „Ob gut oder schlecht, wer weiss, wer weiss...“.

Wie oft werden Regulierungen und Gesetze mit bestimmten Absichten von bestimmten Gruppen vorgeschlagen und durchgerungen. Sinngemäss gilt dies für Steuern. Sicherlich immer einzig mit dem Wunsch „Gutes“ zu bewirken, also wohl in erster Linie den Wohlstand aller zu erhöhen. Doch vielfach sind die Folgen nicht allen klar ersichtlich und letztlich werden durch viele Massnahmen Benachteiligungen von verschiedensten Gruppen erreicht.

Ist unser geteiltes Verständnis um Eigentum, unserer Materie, der Schlüssel, der uns allen letztlich Freiheit und Frieden bringen kann? Ist dies der notwendige Schritt um Immaterielles, so wie das Bewusstsein, aus ganz neuer Perspektive zu sehen und neu zu integrieren in unserem Weltbild? Wie uns die Materie letztlich vereinen kann im globalen, friedvollen Tausch, so könnte dies die Menschheit auch im fehlenden Verständnis zu allem Immateriellen versuchen. Weder Abgrenzungen mittels Religionen, noch Ausschluss mit Wissen, Ideen oder Information zu schaffen. Was jeder von uns wissen kann, muss naturgemäss früher oder später auch die Welt wissen – durch uns oder jemand anderem. Was immer nur einer denken kann, wird nie Allgemeingut werden.

Welche Wertungen bei diesen Gedanken auch vorgenommen werden – ablehnend oder zustimmend – wer in diesem oder einem neuen Gemeinschaftsverständnis leben will, muss dem Anspruch verpflichtet sein, dass es letztlich für alle insgesamt immer besser werden muss.

Und Zweifel ist gut, das sollte nie vergessen werden.

Herzlichst, Patrik

Quellen:

Folgende Bücher können Sie in unserem Thek einsehen:
- Kinsella, "Against Intellectual Property", 2001
- Rothbard, "Ethics of Liberty", 1980

Web-Link:

- Kinsella, "What Libertarianism is", 2009

 

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