Swiss Mises Institute

Samstag, 11. Dezember 2010 von Patrik B. Vonlanthen zu Wirtschaft

Das kleine ABC

Dieser Artikel betrachtet rudimentär was unter Konjunkturzyklus verstanden wird, beschreibt den eigentlichen Akteur autonom wie auch im Markt, um dann über Geld zu einer kritischen Analyse der Konjunkturpolitik zu gelangen und schliesslich die Realitätsnähe der Austrian Business Cycle ABC Theorie zu begründen.

Konjunkturzyklen – Launen einer Berufsgattung?

Gemäss Assenmacher [1] ist die Konjunktur ein über mehrere Jahre hinweg wiederkehrendes Grundmuster eines Auf und Ab der wirtschaftlichen Aktivität. Die scheinbar erkannten Muster oder Zyklen bilden die Basis künftige Entwicklungen der Wirtschaft sinngemäss zu analysieren. Denn diesen Regelmässigkeiten wird durchaus Methode zugeschrieben, wenn auch die Gründe vielfältig zu sein scheinen. Rothbard [2] bemerkte treffend, dass grosses Unheil allein mit dem Wort „Zyklus“ angerichtet wurde – „Fluktuationen“ hätten den Sachverhalt besser charakterisiert.

So ist oben anstelle des gemeinhin geläufigen Konjunkturzyklus – mit Phasen "Aufschwung", "Boom", "Rezession" und "Depression" – eine Darstellung der Kondratieff Welle ausgeführt (mit einer Periodendauer im Bereich von 45 bis 60 Jahren). Eine weitere Spielerei mit Daten, die uns Volkswirtschaften zur Verwertung liefern. Betrachtet man beispielsweise Grössen wie Wirtschaftsleistung, Arbeitsbeschäftigung oder Investitionen, so ist kaum eine zyklische Regularität erkennbar; abgesehen von naheliegenden, saisonalen Variationen [3]. Doch da es kein periodisches Signal gibt, das nicht durch die Komposition von verschiedenen Sinus- und Kosinusfunktionen erzeugt werden kann – wie dies mathematisch mit Fourier-Reihen geschieht – wird dies auch künftig immer neuen Modellen den Weg zur scheinbaren Erklärung der Volkswirtschaftsfluktuationen ebnen.

Homo agens – Unentbehrlicher Baustein in der Funktionsanalyse der Volkswirtschaft

Ursache und Wirkung in einem komplexen System, wie dies eine Volkswirtschaft ist, sind nicht immer klar zuordbar doch für jeglichen Erkenntnisgewinn um Konjunkturzyklen zwingend. Der Akteur Mensch ist in entsprechenden Modellen als "homo oeconomicus" letztlich nicht zielführend. Dem durch Ludwig von Mises geprägten "homo agens" gelingt hier, die in zeitlicher Ausdehnung noch eindrücklicheren immanenten Informationsdefizite jedes menschlichen Handelns darzulegen. In Marktprozess.de [4] wird der "homo agens" wie folgt beschrieben:

Dieser „homo agens“ handelt dabei innerhalb seines derzeitigen Ziel-Mittel-Rahmens rational und ist zusätzlich mit einer Art Findigkeit (engl. alertness) ausgestattet, die es ihm ermöglicht, seinen gegebenen Ziel-Mittel-Rahmen durch die Entdeckung von Neuem selbst zu verändern (Kirzner 1978, p. 27, Rese 2000, p. 72). Der spontane Erkenntnisgewinn bekommt damit eine zentrale Bedeutung. Kirzner formuliert es so: „Wo aber innerhalb der engeren Ökonomisierungskonzeption keine Erklärung dafür möglich ist, warum man irgendeinen bestimmten Zweck-Mittel-Rahmen für relevant hält und wodurch er irrelevant werden könnte, werden diese Einsichten durch das weitergefasste Konzept des menschlichen Handelns möglich – in das die Neigung des "homo agens" eingebaut ist, nach neuen Zielen und bisher unbekannten Ressourcen Ausschau zu halten“ (Kirzner 1978, p. 27). Der „homo agens“ ist also ein Mensch, ausgestattet mit Gestaltungswillen und immer bestrebt, bestimmte, subjektiv gesetzte Ziele zu erreichen. Sein Zielbewusstsein und die Inhalte der Ziele variieren dabei und sind abhängig von individuellem Wissen, Erfahrungen und Marktumfeld (Lingen, 1993, p. 172). Er (der „homo agens“) ist vor allem bestrebt, derzeitige, nicht zufriedenstellende Zustände zu beseitigen. Dabei geht es also primär nicht mehr darum, einen bestehenden Zustand bestmöglich auszunutzen, sondern nach besseren Handlungsalternativen zu suchen, wobei er jedoch nicht davor bewahrt wird, sich bei der Suche nach besseren Handlungsalternativen zu irren.

Dieser "homo agens" wirkt nun im Markt, der die meisten Bereiche des Lebens durchdringt und den zentralen Gegenstand dieser Untersuchung darstellt. Rein populäres Verständnis der Konjunkturzyklen gilt es kritisch zu studieren. Denn der Mensch ist mit einer Welt des Mangels konfrontiert. Das heisst, dass nicht alle unsere Bedürfnisse und Wünsche befriedigt werden können. Und zuerst muss produziert, dann erst kann konsumiert werden. Arbeitskraft gilt es also mit naturgegebenen und abgewandelten Ressourcen zu kombinieren. Als auch rationales Wesen erkennt der Mensch, dass bestimmte Wege zu erhöhter Produktivität führen. Die friedvolle Kooperation (Arbeitsteilung) in Kombination mit Privateigentum, der unabdingbaren Voraussetzung zur Wirtschaftlichkeitsprüfung, hat sich dabei besonders passend hervorgetan. Kann die Handlung des Einzelnen nun Rückschlüsse auf das Verhalten oder Aussehen des ganzen Wirtschaftssystem geben? Wohl kaum, denn der Mensch ist ja nicht nur ein Fraktal, sondern wie die Wirtschaft auch - ein komplexes System. Und gerade deswegen sollten nicht wild Variablen auf eine Zeitachse gelegt werden, um Muster oder Regelmässigkeiten zu erkennen. Für die Grundüberlegungen muss erst einmal einzig der "homo agens" in einer Ein-Personen-Unternehmen betrachtet werden.

Robinson Crusoe - Betrachtung von Grundkonzepten der Ökonomie am Ein-Personen-Unternehmen

Robinson Crusoe sitzt verlassen auf einer Insel. Er kann einfach Fische mit der Hand fangen, doch sobald er eine grössere Menge pro Tag zum Verzehr wünscht, wird er gezwungen seine Mittel zum Fang anzupassen. Ein Netz könnte helfen die Quote zu erhöhen. Bevor er diesen Ansatz zur Produktivitätssteigerung testen kann, muss er das Netz erstellen. Das braucht Zeit. Während dieser Zeit kann aber kein Fisch gefangen werden. Das heisst, bevor die neue, hoffentlich effizientere Methode eingesetzt werden kann, müssen genug Fische oder entsprechender Ersatz beiseite gelegt - sprich gespart - sein, um in dieser Zeit überhaupt überleben zu können. Errare humanum est. Natürlich würde auch diese Methode wieder verworfen, falls nicht zielführend, und entsprechende Verluste würden realisiert.

Generell lässt sich feststellen, dass alle Produktionsprozesse zuerst einmal unmittelbaren Genuss verhindern [5]. In der Austrian School of Economics werden Produktionsprozesse „roundabout“ genannt, wenn mehr und mehr Produktionsmittel eingesetzt werden, um das Endprodukt effizienter zu produzieren. Dieser erweiterte Mitteleinsatz kann aber erst durch Sparen realisiert werden. Die Zeitpreferenz des Menschen ist dabei das Mass um wieviel der heutige Konsum dem Künftigen vorgezogen wird. Je tiefer die Zeitpreferenz, desto einfacher fällt es dem Menschen auf den heutigen Konsum zu verzichten – ergo zu Sparen. Überschüsse zu sparen um Freiheit zu haben neue Wege zu beschreiten oder testen zu können, tritt als ein Grundmerkmal der menschlichen Natur hervor.

Das führt uns zum Kern der Austrian School of Economics und hält Erklärungen für Konjunkturzyklen bereit: Interventionen im Geldwesen bewirken eine Fehlanpassung zwischen Zeitpreferenz des Konsumenten und den diesbezüglichen unternehmerischen Entscheidungen. Der Kreditboom der Banken gaukelt eine inexistente Sparsamkeit vor und lässt Kredite billig werden. Manipulierte – und meist zu tiefe Zinsraten – zwingen den Sparer sein Geld in Güter umzuwandeln oder anderweitig zu verschwenden.

Geld - Das allgemein gebräuchliche Tauschmittel als Marktphänomen

Nur ein kurzer Ausflug zum Thema Geld. Geld ist das allgemein gebräuchliche Tauschmittel einer Gemeinschaft. Geld ist damit ein Marktphänomen. Da direkter Tausch von Gütern und Dienstleistungen in einer Gemeinschaft nicht immer möglich ist, wird indirekter Tausch zu einer notwendigen Erscheinung des Marktes. Mises [6] unterschied in seinem Werk „Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel“ drei möglichen Geldarten, die das ganze monetäre System einer Gemeinschaft bilden: Sachgeld, Kreditgeld, und Zeichengeld. Sachgeld ist ein allgemein gebräuchliches Tauschmittel, das aus einer Ware besteht. Kreditgeld ist ein allgemein gebräuchliches Tauschmittel, das einen nicht (mehr) erfüllbaren Anspruch auf Sachgeld enthält, das aber möglicherweise in Zukunft wieder einlösbar gemacht werden könnte. Zeichengeld ist ein Tauschmittel, das gar keinen Anspruch auf Sachgeld enthält und von dem nicht erwartet werden kann, dass es in Zukunft jemals in Sachgeld einlösbar gemacht wird. Mises war sich nicht ganz sicher, ob Zeichengeld jemals überhaupt existiert hat.

Konjunkturpolitik - Oder doch eher Interessenpolitik?

Gerüstet mit diesem Wissen kann nun die sogenannte Konjunkturpolitik betrachtet werden. Zuerst ist der Verweis auf Adam Smith Analogie der unsichtbaren Hand angebracht, deren Natur es blieb unfassbar und unsichtbar zu sein. Desto unverständlicher wird, dass heute gegen diese friedliche Vorstellung brutal mit verschiedensten Händen interveniert wird. Jede Regulierung des Marktes bringt naturgemäss Gewinner und Verlierer hervor. Diese gilt es auch in diesem Fall zu erkennen und entblössen.

Normalerweise orientieren sich Volkswirtschaftsökonomen am Bruttonationaleinkommen oder der Wachstumsrate um die Graphen der Konjunkturzyklen und ihre entsprechenden Interpretationen zu kreieren. Mit welchen Modellen auch immer, mit diesen Daten und entsprechenden Schlussfolgerungen bewaffnet, wagen sich nun Politiker und Bürokraten mit unheilvollen Ideen an das häufigste Tauschmittel des Marktes – und betreiben schlichtweg Geldmanipulation. Zinssätze werden künstlich festgelegt, Geld wird gedruckt und von dedizierten Stellen aus neu in Umlauf gebracht. Der entsprechende Gebrauchswert sinkt, doch auch da herrscht Ungerechtigkeit vor, da dies nicht überall gleich schnell Wirkung zeigt. Letztlich wird aber nicht einmal vor der Festlegung von Preisen und Löhnen in manchen Situationen zurückgeschreckt, um politisch motivierten Einfluss – und damit die Wahrung von ganz spezifischen Interessen – geltend zu machen. Die Bank der Banken, also die Zentralbank, und der Staat sind in ihrer Zweckehe gar nicht unglücklich, da Macht über Geld starken Einfluss in einer Volkswirtschaft bringt. Macht der Staat Schulden, hilft Inflation die Bedienung derselben im Rahmen zu halten, geht dem Staat das Geld aus, kann die Zentralbank mit neu gedrucktem Geld Schuldpapiere dem Staat abkaufen. Ein Freipass auf Kosten sparender Bürger.

Ludwig von Mises [7] entlarvt in „Gemeinwirtschaft“ (p.461 ff.) die Konsequenzen dieser Machenschaften vorzüglich:

„Doch die Vermehrung der Menge des Geldes und der Umlaufsmittel wird die Welt nicht reicher machen und das nicht wieder aufbauen, was der Destruktionismus niedergerissen hat. Ausdehnung des Zirkulationskredits führt zwar zunächst zum Aufschwung, zur Konjunktur; doch diese Konjunktur muss notwendigerweise früher oder später zusammenbrechen und in neue Depression einmünden. Durch Kunstgriffe der Bank- und Währungspolitik kann man nur vorübergehende Scheinbesserung erzielen, die dann zu umso schwererer Katastrophe führen muss. Denn der Schaden, der durch die Anwendung solcher Mittel dem Volkswohlstand zugefügt wird, ist um so grösser, je länger es gelungen ist, die Scheinblüte durch fortschreitende Schaffung zusätzlichen Kredits vorzutäuschen.“

Gewisse Grössen scheinen ja in unserer Zeit immer Wachsen zu müssen. Hayek [8] verweist dabei auf die fragliche, allgemeine Akzeptanz von Inflation (im ursprünglichen Sinne Ausdruck einer Geldmengenerweiterung) und der daraus resultierenden Annahme Arbeitsentschädigungen müssten auch immer steigen...dies alles zeugt von einem durchwegs pervertierten Verständnis von Geld und Preisen in einer Volkswirtschaft. Wäre Deflation genauso akzeptiert wie Inflation, so hätten beide Begriffe Ihre ursprüngliche Bedeutung wieder erlangt. So wie auch das Konzept Nacht ohne Tag wenig Sinn macht, entsprechend steht es auch um das Begriffspaar Inflation und Deflation.

Garrison [9] zeigt, dass die konventionelle Annahme von sogenannten „Referenzzyklen“ basierend auf Änderungen der Beschäftigungslage und der gesamten Wirtschaftsleistung einer Volkswirtschaft zu kurz greift. Der ABC führt die kredit-induzierten „Boom-and-Bust“ Zyklen auf intertemporale Missallokationen von Ressourcen in der Kapitalstruktur einer Volkswirtschaft zurück, die mit der entsprechenden Bereinigung der Situation (also der Liquidierung und Restrukturierung des Kapitals) wieder ausgeglichen werden. Durch Regulierungen werden zwar temporär Verzerrungen erreicht, die beispielsweise die Arbeitslage kurzfristig günstig verändern mögen. Doch nur grundlegende strukturelle Anpassungen im Arbeits- und Kapitalmarkt können dem Kater des künstlichen und verzerrendem Boom heilend begegnen. Die Meinungen der Mainstream Ökonomen und der Vertreter des ABC unterscheiden sich, wie der Patient behandelt werden soll. Wollen Erstere der Krankheit mit fiskalischen- und monetären Massnahmen beikommen, sehen Letztere darin den eigentliche Grund für die Krankheit. Doch wer unter Ihnen würde seinen Hangover schon mit mehr Alkohol kurieren wollen?

Schlussfolgerung – Monopole und Zentralismus sind gefährlich für die Freiheit des Individuums

Es wurde dargelegt, dass Geldmengenänderungen die relativen Preise verzerren und damit direkt in die Wertschöpfungskette einwirken. Als falsche Signale bewirken diese sodann Fehlinvestitionen, denn eine gestiegene Geldmenge drückt zusätzlich den natürlichen Zinssatz. Oder stellt eine letzte Variante dar, wenn der Zinssatz bereits dahingehend manipuliert wurde, dass er nur auf knapp über null Prozent liegt. Marktteilnehmer werden schlichtweg über die wahre Sachlage im Markt mutwillig getäuscht. Zwar wird ein Aufschwung damit kurzfristig angefacht, doch trifft er auf die immer noch gleichen Zeitpräferenzen der Marktteilnehmer und endet somit bei wieder steigenden Zinsen mit zu teuren Investitionsvorhaben – sprich Fehlinvestitionen. Wo vielfach ein “ungebändigter“ Markt von Politikern gebrandmarkt wird, zeigen sich bei näherem Hinschauen andere Ursachen verantwortlich. Doch wer unter Ihnen würde sich nicht mit aller Kraft wehren, wenn Sie Gefahr laufen Ihre eigene Gelddruckmaschine im Keller zu verlieren, um sich dann den erfrischend gerechten Marktgesetzen unterzuordnen?

Die Wurzeln des Übels geschasster „Boom-and-Bust“ Zyklen bilden das staatliche Monopol den Bürgern aufgezwungenem Papiergeld, sowie dem zentralistischen Zinsdiktat der Notenbanken.

Es grüsst Euch herzlich, Patrik

[1] Assenmacher, Walter, „Konjunkturtheorie“, 1990, München, ISBN 3-486-21576-0, p. 3

[2] Rothbard, Murray N, „The Kondratieff Cycle: Real or Fabricated?“, am 6. Dezember 2010 zugegriffen auf: http://lewrockwell.com/rothbard/rothbard44.html

[3] Garrison, R, „The Austrian Theory of the Business Cycle in the light of modern macroeconomics“, am 3. Dezember 2010 zugegriffen auf: http://mx.nthu.edu.tw/~cshwang/political-economy/econ5171-2005-Austrian/6ABCT/Garrison=ABCT%20for%20Macro.pdf

[4] Marktprozess.de, „Der Marktprozess - Das Menschenbild des Homo agens “, am 3. Dezember 2010 zugegriffen auf: http://www.marktprozess.de/marktprozess-menschenbild.php

[5] Mahoney, D, 2001, "Austrian Business Cycle Theory: A Brief Explanation“, am 9. Dezember 2010 zugegriffen auf: http://mises.org/daily/672

[6] Liberales Institut, „Der Mises-Kreis und die «Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel»" am 5. Dezember 2010 zugegriffen auf: http://www.libinst.ch/?i=mises-kreis

[7] Mises, L, „Gemeinwirtschaft", am 1. Dezember 2010 zugegriffen auf: http://mises.ch/library/Mises_Gemeinwirtschaft.pdf

[8] Mises, L, Haberler, G, Rothbard, M N, Hayek F A, "The Austrian theory of the trade cycle and other essays", am 8. Dezember 2010 zugegriffen auf: http://mises.org/pdf/austtrad.pdf

[9] Garrison, R, „The Austrian Theory of the Business Cycle“, am 29. November 2010 zugegriffen auf: http://www.auburn.edu/~garriro/a1abc.htm

 

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