Swiss Mises Institute

Freitag, 22. Oktober 2010 von Živko Mišković zu Institut

Liberty, Property & Peace

Achtsamkeit ist ein aufmerksames Beobachten, ein Gewahrsein, das völlig frei von Motiven oder Wünschen ist, ein Beobachten ohne jegliche Interpretation oder Verzerrung. - Krishnamurti, Das Licht in dir

Freiheit des Individuums, privates Eigentum und ein friedliches Miteinander sind das Fundament einer Gesellschaft, in der alle Menschen ihre maximale Schaffenskraft entfalten. Der dadurch erschaffene Reichtum kommt allen Mitgliedern der Gesellschaft zu Gute. Es hebt den Lebensstandard der einfachsten Arbeiter auf ein Niveau, welches selbst dem Herren eines unfreien Volkes, und somit Millionen von Dienern, verwehrt bleibt.

Am Beispiel von Nord- und Südkorea tritt dieser Unterschied besonders deutlich zu Tage. Korea war fast 1000 Jahre lang über den Grossteil der Halbinsel ein Reich, in dem sich eine homogene Kultur und Gesellschaft entwickelte. 1910 wurde es von Japan Annektiert und seit dem Ende des zweiten Weltkriegs in zwei Staaten aufgeteilt. Im Norden die von Russland besetze Demokratische Volksrepublik Korea und im Süden die von Amerika besetzte Republik Korea.


Satellitenaufnahme der koreanischen Halbinsel
bei Nacht aus dem Jahre 2003
Beide Staaten starteten vom gleichen Ausgangspunkt aus. Der einzige Unterschied ist also die gesellschaftliche Ordnung. Betrachtet man heute, über 60 Jahre später, wie sich die Staaten entwickelt haben, ist der Unterschied gravierend. Er erinnert an die Unterschiede zwischen dem Westen und dem ehemaligem Ostblock. Besonders verdeutlicht wird dieser Unterschied auf dem Satellitenbild der Halbinsel bei Nacht. Welchen Wohlstand würde wohl der Geliebte Führer Kim Jong-il geniessen, hätte er nicht die Möglichkeit, Produkte aus der sog. freien Welt (oder was noch davon übrig ist) zu importieren?

Die folgenden Texte sind Ausschnitte aus dem Buch Liberalismus von Ludwig von Mises aus dem Jahr 1927, welches in unserem Thek zu finden ist.

Freiheit

Dass der Gedanke der Freiheit für alle uns ganz in Fleisch und Blut übergegangen ist, so dass man ihn die längste Zeit gar nicht anzuzweifeln wagte, dass man von der Freiheit immer nur mit höchster Anerkennung zu sprechen pflegte und dass es erst Lenin vorbehalten blieb, sie ein "bürgerliches Vorurteil" zu nennen, das ist, was man heute vielfach schon vergessen hat, ein Erfolg des Liberalismus. Von der Freiheit, kommt ja auch der Namen des Liberalismus her, und der Namen der Gegenpartei der Liberalen lautete ursprünglich - beide Bezeichnungen kamen in den spanischen Verfassungskämpfen der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts auf - die "Servilen".

Vor dem Aufkommen des Liberalismus haben selbst edle Philosophen, Religionsstifter und Priester, die vom besten Willen beseelt waren, und ihr Volk wahrhaft liebende Staatsmänner die Sklaverei eines Teiles der Menschheit als eine gerechte, allgemein nützliche und geradezu wohltätige Einrichtung angesehen. Es gebe, meinte man, von Natur aus Menschen und Völker, die zur Freiheit, und solche, die zur Unfreiheit bestimmt seien. Und nicht nur die Herren dachten so, sondern auch ein grosser Teil der Sklaven. Sie nahmen die Knechtschaft nicht nur hin, weil sie sich der überlegenen Gewalt der Herren fügen mussten, sondern sie fanden in ihr auch ein Gutes: der Sklave sei der Sorge um den Erwerb des täglichen Brotes enthoben, da der Herr genötigt ist, für seine notwendigsten Bedürfnisse aufzukommen. Als der Liberalismus im 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts daran ging, die Leibeigenschaft und Untertänigkeit der bäuerlichen Bevölkerung in Europa und die Sklaverei der Neger in den überseeischen Kolonien abzuschaffen, da haben sich nicht wenige aufrichtige Menschenfreunde dagegen ausgesprochen. Die unfreien Arbeiter seien an die Unfreiheit gewöhnt und empfänden sie nicht als unangenehme Last; sie seien zur Freiheit gar nicht reif und würden nicht wissen, welchen Gebrauch sie von ihr machen sollten. Der Fortfall der Sorge des Herrn werde sie schwer schädigen, sie würden nicht imstande sein, so zu wirtschaften, dass sie immer über das zum Leben Notwendige verfügen, und würden bald in Not und Elend geraten. Durch die Befreiung würden sie auf der einen Seite also nichts gewinnen, was für sie von wirklichem Werte sei, auf der anderen Seite aber würden sie in ihrem materiellen Fortkommen ernstlich geschädigt werden. Das Erstaunliche war, dass man diese Ansichten auch von zahlreichen Unfreien, die man befragte, vernehmen konnte. Um solchen Anschauungen entgegenzutreten, glaubten viele Liberale, die doch immerhin nur Ausnahmeerscheinungen darstellenden Fälle, in denen die leibeigenen Bauern und Sklaven grausam mishandelt worden waren, verallgemeinern und mitunter selbst übertreibend darstellen zu müssen. Doch solche Ausschreitungen waren keineswegs die Regel; es gab wohl vereinzelte Ausschreitungen, und dass es sie gab, war auch Grund für die Beseitigung dieses Systems. Die Regel aber war doch eine menschliche und milde Behandlung der Knechte durch die Herren.

Wenn man denen, die die Beseitigung der Unfreiheit nur aus allgemein philanthropischen Erwägungen befürworteten, entgegenhielt, die Beibehaltung des Systems liege auch im Interesse der Knechte, so wussten sie darauf nichts Rechtes zu erwidern. Denn diesem Einwand zugunsten der Unfreiheit gegenüber gibt es nur ein Argument, das alle anderen schlägt und auch geschlagen hat: dass nämlich die freie Arbeit unverhältnismässig ergiebiger sei als die von Unfreien verrichtete Arbeit. Der unfreie Arbeiter hat kein Interesse daran, seine Kräfte ernstlich anzuspannen. Er arbeitet so viel und so eifrig, als erforderlich ist, um jenen Strafen zu entgehen, die auf Nichteinhaltung eines Mindestmasses von Arbeit gesetzt sind. Der freie Arbeiter aber weiss, dass er um so besser entlohnt wird, je mehr seine Arbeit leistet. Er spannt seine Kräfte voll ein, um sein Einkommen zu erhöhen. Man vergleiche doch etwa die Anforderungen, die die Bedienung eines moderen Dampfpfluges an den Arbeiter stellt mit dem verhältnismässig kleinen Aufwand an Intelligenz, Kraft und Fleiss, die für den leibeigenen Pflüger Russlands noch vor zwei Menschenaltern als ausreichend befunden wurden. Nur die freie Arbeit kann jene Leistungen vollbringen, die man vom modernen Industriearbeiter verlangen muss.

Verschrobene Querköpfe mögen also nur immerfort die Erörterung darüber fortspinnen, ob alle Menschen zur Freiheit bestimmt und für die Freiheit reif seien. Sie mögen fortfahren, zu behaupten, dass es Rassen und Völker gebe, deren von der Natur vorgezeichnetes Los die Knechtschaft sei, und dass die Herrenvölker die Pflicht hätten, die Knechte in ihrer Unfreiheit festzuhalten. Der Liberale will ihre Argumente gar nicht widerlegen, weil seine Beweisführung zugunsten der Freiheit für alle ohne Unterschied ganz anders geartet ist. Wir Liberalen behaupten gar nicht, dass Gott oder die Natur alle Menschen zur Freiheit bestimmt hätte, schon darum nicht, weil wir über die Absichten Gottes und der Natur nicht unterrichtet sind und es grundsätzlich vermeiden, Gott und die Natur in den Streit um irdische Dinge hereinzuziehen. Was wir allein behaupten, ist das, dass die Freiheit aller Arbeiter jenes Arbeitssystem ist, das die grösste Ergiebigkeit der menschlichen Arbeit gewährleistet, und dass sie sohin im Interesse aller Bewohner der Erde gelegen sei. Wir bekämpfen die Unfreiheit der Arbeiter nicht, obgleich sie den "Herren" nützlich sei, sondern weil wir überzeugt sind, dass sie allen Gliedern der menschlichen Gesellschaft, also auch den "Herren", in letzter Linie Schaden bringt. Hätte die Menschheit an der Unfreiheit eines Teiles oder gar aller Arbeiter festgehalten, dann wäre die grossartige Entfaltung der wirtschaftlichen Kräfte, die die letzten 150 Jahre gebracht haban, nicht möglich gewesen. Wir hätten keine Eisenbahnen, keine Kraftwagen, keine Flugzeuge, keine Dampfer, keine elektrische Kraft- und Lichterzeugung, keine chemische Grossindustrie, wie die alten Griechen und Römer sie bei aller Genialität nicht hatten. Es genügt, dies nur zu erwähnen, damit jedermann erkenne, dass auch die früheren Herren von Sklaven oder Leibeigenen allen Grund haben, mit der Entwicklung der Dinge nach Aufhebung der Unfreiheit der Arbeiter zufrieden zu sein. Ein europäischer Arbeiter lebt heute unter günstigeren und angenehmeren äusseren Verhältnissen als einst der Pharao von Ägypten, trotzdem dieser über Tausende von Sklaven gebot und jener nichts anderes hat, um seine Wohlfahrt zu fördern, als die Kraft und die Geschicklichkeit seiner Hände. Könnte man einen Nabob von anno dazumal in die Verhältnisse versetzen, unter denen heute ein einfacher Mann lebt, er würde ohne Zaudern erklären, dass sein Leben ärmlich gewesen sei im Vergleich mit dem, das auch der bescheidene Bürger unserer Zeit führen kann.

Das ist die Frucht der freien Arbeit, dass sie allen mehr Reichtum zu schaffen vermag als die unfreie Arbeit einst den Herren geboten hat.

Eigentum

Die menschliche Gesellschaft ist die Vereinigung der Menschen zu gemeinsamem Handeln. Gemeinsames nach dem Grundsatz der Arbeitsteilung gerichtetes Handeln hat nämlich gegenüber dem isolierten Handeln einzelner Menschen den Vorzug höherer Ergiebigkeit. Wenn eine Anzahl Menschen nach dem Grundsatz der Arbeitsteilung gemeinschaftlich ihr Handeln einrichten, dann erzeugen sie unter im übrigen gleichen Verhältnissen nicht nur soviel, als die Summe dessen ausmachen würde, was sie einzeln handelnd erzeugt hätten , sondern bedeutend mehr. Auf dieser höheren Ergiebigkeit der arbeitsteilig verrichteten Arbeit beruht die ganze menschliche Gesittung. Durch die Arbeitsteilung unterscheidet sich der Mensch von den Tieren. Die Arbeitsteilung hat den schwachen, in physischer Kraft den meisten Tieren gegenüber zurückstehenden Menschen zum Beherrscher der Erde und zum Schöpfer der Wunderwerke der Technik gemacht. Ohne Arbeitsteilung wären wir heute in keiner Beziehung weiter als unsere Vorfahren vor tausend oder zehntausend Jahren.

Die menschliche Arbeit für sich allein ist nicht imstande unser Wohlbefinden zu mehren. Sie muss, um fruchtbar zu werden, auf die von der Natur zur Verfügung gestellte Erde und die Stoffe und Kräfte der Erde angewendet werden. Der Boden und alle Stoffe und Kräfte, die er birgt und trägt, und die menschliche Arbeit sind die beiden Produktionsfaktoren, aus deren sinnvollem Zusammenwirken alle die Brauchbarkeiten hervorgehen, die der Befriedigung unserer äusseren Bedürfnisse dienen. Um zu produzieren, muss man über Arbeit und über sachliche Produktionsfaktoren verfügen, sowohl über uns roh von der Natur zur Verfügung gestellte und meist an den Boden gebundene Güter und Kräfte als auch über diejenigen Zwischenprodukte, die schon früher geleistete menschliche Arbeit aus diesen primären natürlichen Produktionsfaktoren geschaffen hat. In der Sprache der Nationalökonomie unterscheiden wir darnach drei Produktionsfaktoren: die Arbeit, den Boden und das Kapital. Unter Boden ist alles zu verstehen, was uns von der Natur auf, unter und über der Erdoberfläche, im Wasser und in der Luft an Stoffen und Kräften zur Verfügung steht, unter Kapitalgütern alle aus dem Boden mit Hilfe menschlicher Arbeit erzeugten Zwischenprodukte, die der weiteren Produktion dienen sollen, wie Maschinen, Werkzeuge, Halbfabrikate aller Art u. dgl. m.

Wir wollen zunächst zwei verschiedene Ordnungen der menschlichen arbeitsteiligen Kooperationen betrachten: die auf dem Sondereigentum an den Produktionsmitteln beruhende und die auf dem Gemeineigentum an den Produktionsmitteln beruhende. Diese wird Sozialismus oder Kommunismus genannt, jene Liberalismus oder auch, seit sie im 19. Jahrhundert eine die ganze Welt umspannende Organisation der Arbeitsteilung geschaffen hat, Kapitalismus. Die Liberalen behaupten, dass die einzig durchführbare Ordnung des menschlichen Zusammenwirkens in der arbeitsteiligen Gesellschaft das Sondereigentum an den Produktionsmitteln ist. Sie behaupten, dass der Sozialismus als ganzes, alle Produktionsmittel umfassendes System undurchführbar ist und dass seine Anwendung in bezug auf einen Teil der Produktionsmittel zwar nicht unmöglich ist aber dazu führt, dass die Ergiebigkeit der Arbeit herabgesetzt wird, so dass er nicht nur keinen höheren Reichtum schaffen könnte, sondern im Gegenteil Reichtum vermindernd wirken müsste.

Das Programm des Liberalismus hätte also, in ein einziges Wort zusammengefasst, zu lauten: Eigentum, das heisst: Sondereigentum an den Produktionsmitteln (denn für die genussfertigen Güter ist das Sondereigentum eine selbstverständliche Sache und wird auch von den Sozialisten und Kommunisten nicht bestritten). Alle anderen Forderungen des Liberalismus ergeben sich aus dieser Grundforderung.

Im Programm des Liberalismus mag man aber zweckmässigerweise neben dem Wort "Eigentum" auch die Worte "Freiheit" und "Frieden" voranstellen. Es geschieht dies nicht etwa darum, weil das ältere Programm des Liberalismus sie meist neben dem Wort Eigentum angeführt hat. Wir sagten ja schon, dass das Programm des heutigen Liberalismus über das des alten Liberalismus hinausgewachsen ist, dass es auf tieferer und besserer Einsicht in den Zusammenhang der Dinge beruht, da es sich die Fortschritte, die die Wissenschaft der letzten Jahrzehnte gemacht hat zu Nutzen machen kann. Nicht darum, weil Freiheit und Frieden vielen älteren Liberalen als gleichgeordnete Grundgedanken des Liberalismus und nicht nur als die Folgerung aus dem einen, Grundgedanken des Sondereigentums an den Produktionsmitteln erschienen, wären sie im Programm voranzustellen, sondern nur darum, weil sie ganz besonders heftig von den Gegnern des Liberalismus angefeindet wurden und man durch ihre Fortlassung nicht den Ansehein erwecken sollte, als hätte man die Berechtigung der Einwendungen, die gegen sie erhoben wurden, in irgend einer Weise anerkannt.

Frieden

Es gibt edle Menschen, die den Krieg verabscheuen, weil er Tod und Wunden bringt. Wir können nicht umhin, die Menschenliebe, die in diesem Argument steckt, zu bewundern. Doch das philanthropische Moment scheint viel oder alles von seiner Kraft zu verlieren, wenn wir die Ausführungen der Anhänger und Befürworter des Krieges vernehmen. Die leugnen gar nicht, dass der Krieg auch Schmerz und Leid bringt. Doch sie meinen, dass der Krieg und nur der Krieg imstande ist, die Menschheit weiter zu bringen. Der Krieg sei der Vater aller Dinge, sagt ein griechischer Philosoph, und Tausende haben es ihm nachgesprochen. Der Mensch verdorre im Frieden, nur der Krieg erwecke in ihm die schlummernden Fähigkeiten und Kräfte und führe ihn zum Höchsten. Würde der Krieg ausgerottet werden, dann würde die Menschheit in Schlaffheit und Mattheit verkommen.

Es ist schwer oder gar unmöglich, gegen diese Beweisführung der Kriegsfreunde aufzukommen, wenn man gegen den Krieg nichts anderes geltend zu machen weiss als das, dass er Opfer verlangt. Denn die Anhänger des Krieges sind doch eben der Meinung, dass diese Opfer nicht umsonst dargebracht werden, und dass der Preis des Einsatzes wert sei. Wenn es wirklich wahr sein sollte, dass der Krieg der Vater aller Dinge ist, dann sind die Menschenopfer, die er kostet, notwendig, um die allgemeine Wohlfahrt und den Fortschritt der Menschheit zu fördern. Man mag die Opfer wohl beklagen, man mag auch trachten ihre Zahl herabzusetzen, doch man darf darum den Krieg nicht abschaffen und den ewigen Frieden herbeiführen wollen.

Die liberale Kritik der Kriegstheorie unterscheidet sich aber grundsätzlich von der der Philanthropen; sie geht davon aus, dass nicht der Krieg, sondern der Frieden der Vater aller Dinge ist. Das, was die Menschheit allein vorwärts bringt und sie vom Tier unterscheidet, ist die gesellschaftliche Kooperation. Die Arbeit allein ist es, die aufbaut, reich macht und damit die äusseren Grundlagen für inneres Gedeihen des Menschen legt. Der Krieg zerstört nur, er kann nie aufbauen. Den Krieg, den Mord, die Zerstörung und Vernichtung haben wir mit den reissenden Tieren des Waldes gemein, die aufbauende Arbeit ist unsere menschliche Eigenart. Der Liberale verabscheut den Krieg nicht wie der Philanthrop, obwohl er nützliche Folgen haben soll, sondern weil er nur schädliche Folgen hat.

Der philanthropische Friedensfreund tritt an den Mächtigen heran und sagt ihm: "Führe keinen Krieg, wenn du auch Aussicht hast, durch einen Sieg deine eigene Wohlfahrt zu fördern. Sei edel und grossmütig und verzichte auf den dir winkenden Sieg, wenn es dir auch ein Opfer, den Entgang eines Gewinnes bedeutet." Der Liberale denkt anders. Er ist der Überzeugung, dass der siegreiche Krieg auch für den Sieger ein Übel ist, dass Frieden immer noch besser ist als Sieg. Er verlangt vom Starken keine Opfer, sondern nur das, dass er sein wahres Interesse erfasse und verstehen lerne, dass der Frieden auch für ihn, den Starken, ebenso vorteilhaft ist wie für den Schwächeren.

Wenn ein friedliebendes Volk von einem kriegslustigen Gegner angegriffen wird, dann muss es sich zur Wehr setzen und alles tun, den Ansturm der Feinde abzuwehren. Wenn in einem solchen Kriege von denen, die um ihre Freiheit und um ihe Leben kämpfen, Heldentaten vollbracht werden, so sind sie lobenswert, und mit Recht preist man die Mannhaftigkeit und Tapferkeit solcher Kämpfer. Hier sind Kühnheit, Unerschrockenheit, Todesverachtung lobenswert, weil sie im Dienste eines guten Zweckes stehen. Aber man hat den Fehler begangen, diese soldatischen Tugenden als absolute Tugenden hinzustellen, als Eigenschaften, die an und für sich gut sind, ohne Rücksicht auf den Zweck, in dessen Dienst sie stehen. Teilt man diese Meinung, so muss man folgerichtig auch die Kühnheit, Unerschrockenheit und Todesverachtung des Räubers als edle Tugend anerkennen. Doch in Wahrheit gibt es nichts, was an und für sich gut oder böse ist; gut und böse werden menschliche Handlungen immer nur durch den Zweck, dem sie dienen, und die Folgen, die sie nach sich ziehen. Auch Leonidas wäre nicht der Anerkennung wert, die wir ihm zollen, wäre er nicht als Verteidiger seiner Heimat gefallen, sondern als Führer einer Angriffsarmee, die ein friedliches Volk seiner Freiheit und seines Besitzes berauben wollte.

Die Schädlichkeit des Krieges für die Entwicklung der menschlichen Zivilisation ergibt sich klar für jeden, der den Nutzen der Arbeitsteilung erkannt hat. Die Arbeitsteilung macht aus dem Menschen, der sich selbst genug ist, das von den Mitmenschen abhängige ζῶον πολιτιχόν, das Gesellschaftswesen, von dem Aristoteles sprach. Wenn ein Tier gegen das andere, ein in Wildheit lebender Mensch gegen den anderen feindselig auftreten, dann ändert sich dadurch nichts an den wirtschaftlichen Voraussetzungen und Grundlagen ihrer Existenz. Wenn aber in einer Gemeinschaft, die die Arbeit unter ihre Mitglieder verteilt hat, ein Streit ausbricht, der durch feindliche Handlungen ausgetragen werden soll, dann steht die Sache anders. Hier sind die einzelnen in ihrer Verrichtung spezialisiert; sie sind nicht mehr imstande, unabhängig zu leben, weil sie auf die gegenseitige Hilfe und Unterstützung angewiesen sind. Selbstgenügsame Landwirte, die auf ihren Höfen alles das erzeugen, was sie und ihre Familien zum Leben brauchen, können sich gegenseitig befehden. Doch wenn in einem Dorf eine Parteiung entsteht und auf der einen Seite der Schmied und auf der anderen Seite der Schuhmacher stehen, so muss die eine Partei an Schuhen, die andere an Werkzeugen und Waffen Mangel leiden. Der Bürgerkrieg zerstört so die Arbeitsteilung, weil er jede Gruppe zwingt, sich an der Arbeit ihrer Parteigenossen Genüge sein zu lassen. Hat man die Möglichkeit solcher Feindseligkeiten im Auge, dann wird man von vornherein die Arbeitsteilung sich nicht so stark entwickeln lassen dürfen, dass man dann, im Falle es wirklich zum Kampf kommt, Mangel leidet. Die Entfaltung der Arbeitsteilung ist nur soweit möglich, als die Gewähr ewigen friedlichen Zusammenlebens geboten ist. Die Arbeitsteilung kann sich nur unter dem Schutze eines gewährleisteten Friedens entwickeln. Wo diese Voraussetzung fehlt, überschreitet die Arbeitsteilung nicht die Grenzen des Dorfes oder nicht einmal die des einzelnen Familienhauses. Die Arbeitsteilung zwischen Stadt und Land - dass nämlich die Bauern der umliegenden Dörfer in die Stadt Getreide, Vieh, Milch und Butter liefern und von den Städtern gewerbliche Erzeugnisse eintauschen - setzt schon voraus, dass wenigstens innerhalb der einzelnen Landschaften der Frieden gesichert ist. Soll die Arbeitsteilung das Gebiet eines ganzen Volkes umfassen, so müssen Bürgerkriege ausserhalb des Bereiches der Möglichkeit liegen; soll sie die ganze Welt umspannen, so muss ewiger Frieden zwischen den Völkern gesichert sein.

Jedem Zeitgenossen müsste es als platter Widersinn erscheinen, wenn sich eine moderne Grossstadt, etwa London oder Berlin, darauf einrichten wollte, gegen die Bewohner der angrenzenden Teile des flachen Landes Krieg zu führen. Doch viele Jahrhunderte lang haben die Städte Europas auch diese Möglichkeit ins Auge gefasst und sich wirtschaftlich darauf eingestellt. Es gab Städte, deren Befestigungsanlagen von vornherein so gebaut waren, dass sie im Notfalle mit Hille von Viehhaltung und Getreidebau innerhalb der Stadtmauern, eine Zeitlang durchhalten konnten.

Noch im Anfang des 19. Jahrhunderts zerfiel der weitaus grössere Teil der bewohnten Erde in eine Reihe von kleinen Wirtschaftsgebieten, die sich im grossen und ganzen selbst genügten. Selbst in den höher entwickelten Teilen Europas wurde der Bedarf eines Landstriches zum grösseren Teile durch die Produktion im Landstrich selbst gedeckt. Der Handel, der über das enge Gebiet der Nachbarschaft hinausging, war verhältnismässig gering und umfasste im grossen und ganzen nur solche Waren, die wegen der klimatischen Verhältnisse im Lande selbst nicht erzeugt werden konnten. In dem weitaus grösseren Teile der Welt wurde aber nahezu der ganze Bedarf eines Dorfbewohners durch die Produktion des Dorfes selbst gedeckt. Für diese Dorfbewohner bedeutete eine durch den Krieg eingetretene Störung in den Handelsbeziehungen überhaupt keine wirtschaftliche Beeinträchtigung. Aber auch die Bewohner der fortgeschritteneren Teile Europas litten darunter nicht allzu stark. Wenn die Kontinentalsperre, die Napoleon I. über Europa verhängte, um die englischen und die nur durch Vermittlung Englands erreichbaren überseeischen Waren auszuschliessen, auch schärfer durchgeführt worden wäre, so hätte sie dem Kontinentalbewohner keine allzu fühlbaren Entbehrungen auferlegt. Wohl hätte er auf Kaffee und Zucker, auf Baumwolle und Baumwollwaren, auf Gewürze und manche seltenen Hölzer verzichten müssen; aber all diese Dinge spielten im Haushalt der weiten Schichten damals eine nur untergeordnete Rolle.

Die Dichte der weltwirtschaftlichen, der internationalen Beziehungen ist ein Produkt des Liberalismus und Kapitalismus des 19. Jahrhunderts. Durch sie erst wurde die weitgehende Spezialisierung der modernen Produktion und damit die grossartige Vervollkommnung der Technik ermöglicht. Um den englischen Arbeiter in seinem Haushalt mit all dem zu versehen, was er gebrauchen und verbrauchen will, wirken alle Länder der fünf Weltteile zusammen. Tee für den Frühstückstisch liefern Japan oder Ceylon, Kaffee Brasilien oder Java, den Zucker Westindien, das Fleisch Australien oder Argentinien, den Wein Spanien oder Frankreich; die Wolle kommt aus Australien, die Baumwolle aus Amerika oder Ägypten, die Häute für das Leder aus Indien oder Russland usf. Und im Austausch dafür gehen englische Waren in die ganze Welt, in die fernsten und entlegensten Dörfer und Gehöfte. Diese Entwicklung war nur möglich und denkbar, weil man die Vorstellung, es könnte je wieder zu grossen Kriegen kommen, seit dem Sieg der liberalen Ideen nicht mehr ernst nahm. Zur Zeit der höchsten Blüte des Liberalismus hielt man allgemein Kriege zwischen den Angehörigen der weissen Rasse für immerdar als abgetan.

Doch es kam anders. Die liberalen Ideen und Programme wurden durch Sozialismus, Nationalismus, Protektionismus, Imperialismus, Etatismus, Militarismus verdrängt. Hatten Kant und Humboldt, Bentham und Cobden das Lob des ewigen Friedens verkündet, so kamen jetzt Männer, die nicht müde wurden, den Krieg und den Bürgerkrieg zu preisen. Und sie hatten nur allzubald Erfolg. Das Ende war der Grosse Krieg, der unserer Zeit eine Art Anschauungsunterricht für das Problem der Unverträglichkeit des Krieges mit der Arbeitsteilung gegeben hat.

 

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