Swiss Mises Institute

Dienstag, 25. Oktober 2011 von Patrik B. Vonlanthen zu Politik

Schweiz ohne Armee. Ein Palaver?


Einer allgemeinen Bedrohungslage der Schweiz, welche die politische Mehrheit als real empfindet, wird im Ernstfall mit organisiertem, bewaffneten Widerstand – den Streitkräften einer Armee – begegnet. Dies auch 66 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, nach Korea- und Vietnam-krieg, Ostblockkonflikten wie in Polen und Ungarn, der Gefahr eines weltweiten Atomkrieges, der chinesischen Kultur-revolution, 20 Jahre nach Ende des kalten Krieges, zehn Jahre nach 9/11, dem arabischen Frühling diesen Jahres und einer weiteren Finanzkrise, die schleichend in Währungskriege zu münden droht.

Mit politischen Verteidigungsstrategen oder Sicherheitspolitikern zu argumentieren wie die Schweiz am Besten gegen beliebige Feindbilder umzugehen hat, ist müssig. Schweizer Armee, Militärlobby, Universitäten, Think Tanks und weiteren Experten, werden genau erklären wie man weit nach der Zeit der Hellebarden optimal das Territorium der Eidgenossenschaft verteidigen soll. Denn Kompetenzen für kriegerische Einsätze werden seit Jahrtausenden weltweit gelehrt und perfektioniert.

Die Schweiz will sich ein Gefühl der Sicherheit mittels Bewaffnung des Nationalstaates durch eine Armee erkaufen (b). Fünf Milliarden Schweizer Franken sollen künftig diesem Anliegen Rechnung tragen. Der vermeintlich latenten Bedrohung von aussen wird mit der dogmatischen Gewissheit von wehrbereiten Streitkräften beigekommen. Jede Schweizerin und jeder Schweizer hat diese Strategie jeden Tag mit zu verantworten, letztlich: Wenigstens dem Gegner Blutzoll abgerungen. Im 21. Jahrhundert.

Dieses leidige Barbarentum löst bei friedliebenden Menschen nur mehr Furcht aus, da doch gerade Aggressionen immerzu mehr Aggressionen auslösen, anstatt die notwendige, besonnene Zurückhaltung zu fördern. Auch eine sogenannte Verteidigungsarmee wie die der Schweiz will den Feind besiegen. Jene Länder aber, die heute immer noch aktiv Angriffskrieg führen oder dazu Bereitschaft erstellt haben, sehen den Gegner nicht als Abschreckung, sondern vielmehr als Grund die jeweilige Taktik entsprechend anzupassen. Dazu gehören selbstredend auch Angriffe mit dem Vorwand "präventiver" Natur - vor was eigentlich? - so wie durch ferngesteuerte, unbemannte Raketen, die inakzeptable Feindlichkeiten provozieren, aber gerne entschuldigt werden mit beliebigen Begründungen.

Neue Flieger sind auf der Wunschliste der Schweizer Militärs. Die Landesverteidigung ist 2011 mit 7,4 Prozent (c) am Gesamthaushalt des Bundes eingeplant, was für die künftige Form, wie auch die geplante Anschaffung im Moment nicht reicht. Dabei ist dies mehr als für Landwirtschaft & Ernährung (6,2 Prozent), aber doch weniger als für Bildung & Forschung (10,2 Prozent) spendiert wird. Für Beziehungen zum Ausland sind noch weitere 4,4 Prozent veranschlagt.

Das in Schweden ansässige Internationale Friedensforschungsinstitut (SIPRI) beziffert das globale Volumen der Rüstungsausgaben im Jahre 2009 mit 1,531 Billionen Dollar – ein Anstieg von 6 Prozent gegenüber 2008. 2,7 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung sind so für rein destruktive Kräfte verschwendet worden (d).

Armeen, effiziente Zerstörungsmaschinerien, bleiben also der Menschheit auch noch im 21. Jahrhundert als traurige und grausame Relikte erhalten. Dies, obwohl sie die Auslöser unzähliger Katastrophen sowohl in humanitärer Hinsicht, als auch im wirtschaftliche Leben vieler Länder darstellen. Noch sind Armeen nicht in Museen verbannt, um dort als Mahnmale und aufklärend für eine Epoche höchster menschlicher Verwirrung zu wirken.

Friedvolles, also tolerantes, zwangfreies Miteinander in einer arbeitsteiligen und globalen Marktwirtschaft steht als unerlässliches Fundament einer materiell prosperierenden und weltumspannenden Gesellschaft. Jeder Agressor, wie staatlich organisierte, gigantische Streitkräfte, tritt per se dieses Grundverständnis des Zusammenlebens mit Füssen.

Unsicherheiten oder gar Ängste sind zwar unbestreitbare, menschliche Eigenschaften und Realitäten; nur hervorgerufen von einer Welt, die sich unentwegt wandelt. Denn da sind Beständigkeit, Kontinuität, sei es von Wissen, Wirtschaft, Wertvorstellungen, Glauben, Körper, Politik u.a. nur Hoffnung derer, die die Natur der Dinge nicht akzeptieren wollen.

Jedem Einzelnen sei die Reaktion auf einen möglicherweise bewaffneten, feindlichen Angriff selbst überlassen. Ob Waffenbesitz oder dessen strikte Verweigerung, in Gruppen organisiert oder nicht, ein mündiger Bürger darf und muss diese überlebenswichtige Entscheidung selbst treffen. Der durchschnittliche Schweizer beschafft sich auch ohne Armee eine gemäss seiner Beurteilung angemessene Absicherung vor potentiellen Aggressionen.

Hier entfaltet sich Max Frisch' „Schweiz ohne Armee? Ein Palaver“ (e) (1992) wunderbar:
Fazit des Dienstbüchleins: er wagte nicht zu denken, was denkbar sei; er wollte lieber glauben statt zu wissen. Er wirft das Buch ins Kaminfeuer und resümiert: man sei schon ziemlich feige.

Es grüsst Euch herzlich, Patrik

Quellen:

a. Geschichte - Kalter Krieg
b. Sicherheitspolitischer Bericht 2010
c. Öffentliche Finanzen 2011
d. Stockholm International Peace Research Institute
e. Frisch, Max, 1992, „Schweiz ohne Armee? Ein Palaver“

 

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